Von Karel Capek

Ich habe nicht die Absicht, eine wissenschaftliche Definition der Anekdote oder des Witzes zu liefern. Ich wage mich auch nicht an eine tiefere Deutung, warum das Komische komisch wirkt. Einer meiner Freunde zum Beispiel behauptet, ein spielendes Kätzchen sei deshalb so unwiderstehlich komisch, weil es spielt, obgleich es einen Bart hat. Aber nach dieser Logik müßte etwa ein Ministerpräsident unwiderstehlich komisch wirken, weil er sich ernst benimmt, obgleich er keinen Bart hat. Geben wir uns damit zufrieden, das komisch zu nennen, was im menschlichen Organismus eine krampfhafte Bewegung des Zwerchfells verursacht, wodurch Luft durch die Stimmritze gepreßt wird, was das bekannte „Hahaha“ hervorruft. Ich glaube, das ist eine gute Definition: sie ist genau und besagt nicht viel.

Ich will auch nicht die Beziehungen des Witzes zum Unterbewußtsein untersuchen, weil ich der Meinung bin, daß es auch vom Gürtel aufwärts genug Geheimnisvolles im Leben des Menschen gibt. Geheimnisvoll ist zum Beispiel, wo und wie Anekdoten entstehen. Das ist ein ebenso schweres Problem wie die Frage, wo und wie lebendige Materie entsteht.

Ich glaube, noch niemand hat eine Anekdote bei ihrer Entstehung ertappt. Jede Anekdote beginnt mit den Worten: „Kennen Sie schon die Geschichte?“ Ein Wesenszug der Anekdote ist, daß man sie von jemandem gehört hat: der, von dem man sie gehört hat, hat sie wieder von jemand anderem gehört und so weiter bis ins Unabsehbare. Niemals beginnt eine Anekdote mit den Worten: „Hören Sie eine Anekdote, die ich mir soeben ausgedacht habe.“ Die Anekdote hat keinen Autor, sondern nur einen Erzählen sie geht von Mund zu Mund. Wenn jemand eine Anekdote als-sein Erzeugnis, ausgibt, kann man sicher sein, daß man es mit einem Betrüger oder einem Angeber zu tun hat.

Weiter gehört es zum geheimnisvollen Wesen der Anekdote, daß sie stets in funkelnagelneuem Gewand auftritt. Der Wert des Volksmärchens ist dessen Alter, der besondere Wert der Anekdote ist deren Neuheit. Es gibt Menschen, die alte Volksmärchen oder alte Schnupftabakdosen sammeln, aber kein mit einer Manie Behafteter wird alte Anekdoten sammeln, um sich an ihrem historischen Wert zu erfreuen. Wenn jemand eine Anekdote erzählen will, fragt er zunächst: „Kennen Sie schon die Anekdote von dem Pfarrer?“ Natürlich kennt man sie nicht, und erst jetzt gibt der Betreffende seine Anekdote zum besten: „Es war einmal ein Pfarrer, der...“ und so weiter (ich habe vergessen, wie es weitergeht). Das Paradoxe dieser Neuheit liegt darin, daß so ziemlich alle Anekdoten (von einigen zweifelhaften Ausnahmen abgesehen, zum Beispiel über das Radio) uralt sind. Einige wurden uns in griechischen Texten überliefert, andere wurden von Missionaren bei den Naturvölkern aufgezeichnet.

Ich erwähnte bereits, daß Anekdoten nicht geschaffen werden: gewiß jedoch ist, daß sie sich vermehren. Und zwar geschieht dies nach Art anderer Organismen durch Sprossung. Die Anekdote wächst nicht auf dem harten Holz des Lebens, sondern sprießt üppig auf einer anderen Anekdote; darum zirkulieren Anekdoten in ganzen Gruppen und Haufen. Auch an verstreuten Anekdoten läßt sich noch die Art feststellen, die sich durch Sprossung vom ursprünglichen Mutterstamm abgesondert hat. Ich glaube, es gibt mehr als ein gutes Dutzend Grundtypen, wie die Anekdoten vom Jäger, vom Liebhaber, von der Schwiegermutter, vom Schuldner, vom Schalk, vom Pechvogel und so weiter. Die gesamte Weltgeschichte hat nur sehr wenig zu diesen urmenschlichen Typen beigetragen, wie beispielsweise den zerstreuten Professor und einige andere.

Bemerkenswert ist, daß es erstens zwar eine Menge Anekdoten über Ärzte und Rechtsanwälte gibt, aber herzlich wenig über Ingenieure. Das ist ganz natürlich: Die Ingenieure haben keine Tradition. Es braucht Jahrtausende, bis der Boden vorereitet ist, auf dem Anekdoten gedeihen. Zweitens: daß von den Gewerben die Schuster und Schneider in den Anekdoten bevorzugt werden. Mir ist keine Schlosser-, Drechsler-, Uhrmacher- oder ähnliche Anekdote bekannt. Das mag daher kommen, daß das Schneider- und Schusterhandwerk in früheren Zeiten Weiberarbeit war, und der erste männliche Schneider oder Schuster muß den einstigen Jägern und Kriegern urkomisch vorgekommen sein. Auch auf die Zauberer und Wahrsager blickte der urzeitliche Krieger mit ziemlicher Geringschätzung herab; da ist wohl der Ursprung der Pfarrer-, Juristen- und Ärzteanekdoten zu suchen. Vielleicht gibt es daneben auch andere Ursachen, wie etwa die Gewohnheit. Drittens: daß es märchenhafte oder mythische Berufe gibt, die man nur im Märchen findet, wie Hirten, Holzfäller, Fergen und Ritter. Nie ist ein Advokat, ein Pfarrer, ein Schuster, ein Rabbiner oder ein Pferdehändler der Held eines echten Märchens; die kommen nur in Anekdoten vor. Märchen verherrlichen die Unschuld, die Kraft und den Mut; die Anekdote feiert die Pfiffigkeit. Das Märchen ist naturhaft und ländlich, die Anekdote ist städtisch. Märchen sind fast so alt wie die Götter, Anekdoten sind so alt wie die Stadt. Bauernanekdoten schildern nur den Landmann im Verkehr mit der Stadt. Der Bauer ist entweder schlauer oder dümmer als die Stadtleute. Aber sich selbst und seinem Felde überlassen, hat er keinen Platz in der Anekdote.