B. P., Stockholm, Ende Juni

Der Umfang der westdeutschen Ausfuhrüberschüsse hat im Ausland nicht nur verwundert, er hat auch verärgert. Von 1952 bis April 1954, also in rund zwei Jahren, sind Westdeutschlands Gold- und Devisenbestände von rund 3,5 auf 9,5 Mrd. DM angewachsen. Nach Bundeswirtschaftsminister Prof. Dr. Erhard wird das laufende Jahr einen Ausfuhrüberschuß von etwa 3,5 Mrd. DM bringen. Die schwedische Wirtschaftszeitschrift „Affärsvärlden“, die Erhard dieser Tage zitierte, schreibt u. a. dazu: „Schweden fällt es schwer, auf anderen Märkten die Devisen zu verdienen, mit denen es die großen Einfuhrüberschüsse im Warenaustausch mit Westdeutschland und Nordamerika bezahlen könnte. Man kann sagen, daß die deutschen Überschüsse in Europa ein starkes Hindernis für einen Übergang zur Konvertibilität sind. Konvertibilität verlangt Änderungen in der Struktur des Welthandels, die noch nicht recht in Gang gekommen sind. Man hat Ursache, den direkten Zusammenhang zwischen Handel und Zahlungen zu unterstreichen.“

Nun könnte man sagen, wenn Westdeutschland jährlich für rund 3 Mrd. DM in Gold und Devisen anlegt, mit anderen Worten also Auslandskredite dafür gibt, statt entsprechende Warenmengen hereinzunehmen, so ist das seine eigene Angelegenheit. Für einen solchen Standpunkt aber ist der Welthandel heute noch nicht gefestigt genug und der Europahandel schon gar nicht. Bei den OEEC-Verhandlungen im Mai erklärte der schwedische Gesandte Hägglöf, daß der deutsche Überschuß die europäische Zahlungsunion sprengt. Wichtig ist dabei, daß man in Schweden nicht etwa das Anwachsen der deutschen Ausfuhr kritisiert, im Gegenteil: „Affärsvärlden“ z. B. betont ausdrücklich, daß die große Exportoffensive Deutschland vorläufig noch nicht wieder auf den Vorkriegsstand gebracht hat. Die Erklärung für die großen Ausfuhrüberschüsse liegt also darin, daß Westdeutschlands Einfuhr erheblich zurückgeblieben ist. Und hier setzt die schwedische Kritik ein; denn eigentlich müßte der Einfuhrbedarf nach dem Fortfall Ostdeutschlands ja heute größer sein als vor dem Kriege. Tatsächlich aber habe die westdeutsche Handelspolitik, das Festhalten an Kontingenten und hohen Zöllen bei landwirtschaftlichen Produkten dazu geführt, daß die deutsche Einfuhr heute kleiner ist als in der Vorkriegszeit. Schweden importiert je Einwohner im Jahre für 218 $, England für 185, Westdeutschland dagegen nur für 74 $.

Im vergangenen Jahr hat die Bundesrepublik Waren für rund 1,17 Mrd. nach Schweden exportiert. Eingeführt hat sie aus Schweden, in der Hauptsache Erze und Agrarprodukte, für nur rund 810 Mill. DM.

Als erfreulich ist es in Stockholm verzeichnet worden, daß in den jüngsten Handelsvertragsverhandlungen der schwedischen Ausfuhr nach Westdeutschland neue Möglichkeiten eröffnet wurden, u. a. für 300 000 t Getreide (darunter 250 000 t Weizen), für Speck und auch für Stahl. Schweden seinerseits hat mit sofortiger Wirkung die Einfuhr deutscher Personenkraftwagen freigegeben. – Der deutschen Mehreinfuhr steht also in diesem Falle zunächst eine deutsche Mehrausfuhr gegenüber, und das Grundproblem des schwedischen Einfuhrüberschusses besteht weiter...