Paris, im Juli

Kongresse pflegen Ereignisse zu sein, zu denen gewichtige Persönlichkeiten aus aller Herren Ländern eilen und die – abgesehen von den direkt Beteiligten – meistens nur für Hoteliers oder Nachtklubs von Bedeutung sind. Der „Erste Internationale Kongreß für Chemiefasern“ in Paris jedoch war eine Veranstaltung von allgemeinem Interesse. Er war ein Meilenstein in der Revolution der Textilentwicklung und daher wichtig für jeden, ob Mann oder Frau, arm oder reich.

Seitdem man auf den Gedanken kam, der Seidenraupe Konkurrenz zu machen, hat die Forschung der von Menschenhand hergestellten Fasern einen ungeahnten Aufschwung genommen. Schätzungsweise gibt es heute schon mehr als 50 verschiedene Typen von Chemiefaserstoffen, die entweder rein oder auch in Mischungen miteinander und mit natürlichen Fasern, wie Wolle, Seide, Baumwolle und Leinen Verwendung finden. Es sind mehr als 90 Bezeichnungen im Handel. Jede einzelne Faserart besitzt ihre Eigenarten und Vorteile, und die Bezeichnung „chemisch“ bedeutet durchaus nicht, daß sie als „Ersatz“ der natürlichen Fasern dienen soll.

Unter sämtlichen Chemiefaserstoffen können nur zwei als wahre Gattungsnamen angesprochen werden: Reyon und Azetat; alle übrigen – Nylon inbegriffen – sind eingetragene Markennamen.

Fast jedes Kulturland entwickelt gegenwärtig seine eigenen Chemiefaserstoffe. Viele von ihnen sind mehr oder weniger identisch, wie etwa: Nylon (USA, Großbritannien), Perlon (Deutschland), Grilon (Schweiz), Enkalon (Holland), Lilion (Italien), Silon (Tschechoslowakei), Amiion (Japan). Terylene (England und Deutschland) ist identisch mit Dacron (USA). Andere synthetische Faserstoffe, wie zum Beispiel Saran und Velon (USA), Rhovyl (Frankreich) und Movil (Italien) ähneln einander, obwohl sie auf verschiedener chemischer Basis beruhen. Alle diese Fasern werden in verschiedenen Spinnformen und Garnstücken verarbeitet und sehen manchmal wie Seide, manchmal wie Wolle aus.

Die Textilindustrie kann heute die Eigenschaften ihrer synthetischen Stoffe nach Wunsch gestalten und dem Verwendungszweck anpassen. So ermöglicht zum Beispiel die Chemiefaser, besonders leichte, für Zonen mit hohen Wärmegraden geeignete, aber dabei sehr haltbare Stoffe, sogenannte „Tropicals“ herzustellen. Aber auch in Ländern mit durchschnittlich kaltem Klima, wie etwa Schweden, spielt die Chemiefaser auf dem Gebiet der Bekleidungsindustrie eine große Rolle, obwohl man gerade dort einen besonders hohen Wollanteil erwarten könnte (Schweden: Chemiefaseranteil 23,1 v. H., Wollanteil 23 v. H.).

Reyon und Azetat, Spinnstoffe aus Zellulose, haben einen wichtigen Beitrag zur Bekleidung des modernen Menschen geliefert. Zumal sie allen Schichten das Tragen von preiswerten Stoffen ermöglichen, die den Unterschied der’sozialen Stellung des Trägers kaum noch erkennen lassen. 70 Prozent der Kleider werden heute aus halb- oder vollsynthetischem Material gefertigt.