d. Koblenz

Das Schöffengericht Koblenz verurteilte am 10. Juni den 32jährigen Arbeiter Josef Arnold wegen Werbung für eine ausländische Armee (§ 141 StGB) zu sechs Monaten Gefängnis. Er hatte am 11. Oktober 1953 vier achtzehnjährige Jünglinge aus Iserlohn, die daheim wegen schlechter Schulzeugnisse ausgerissen waren, eine Nacht lang bei sich beherbergt und sie dann zu einer Annahmestelle der französischen Fremdenlegion gebracht. Einer von den vier Jungen entkam, nachdem er den Verpflichtungsschein bereits unterschrieben hatte. Vor Gericht konnte dieser Zeuge über das Schicksal seiner drei Kameraden nichts aussagen; er flüchtete aus dem Gerichtssaal und aus der französischen Besatzungszone, noch bevor er sein Zeugengeld empfangen hatte. Man hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, daß er von der Sûreté gesucht werde.

Vor wenigen Tagen hatte sich vor dem gleichen Gericht der 24jährige, erheblich vorbestrafte Adolf Bind aus Delmenhorst zu verantworten. Er hatte am 9. Mai 1954 versucht, drei junge Deutsche aus demAachener Revier, die sich ihrer Bestrafung wegen geringfügiger Delikte entziehen wollten, der Legion zuzuführen. Ein Hotelportier, dem die vier Männer verdächtig erschienen, alarmierte die Polizei, die die Gruppe auf dem Wege zum Koblenzer Schloß abfing. Bind wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Er hatte sich mit der Behauptung verteidigt, er habe die jungen Leute nicht für die Legion, sondern für den britischen Sicherheitsdienst in Hameln gewinnen wollen, für den er längere Zeit tätig war.

Zwei Tage, bevor dieses Urteil gesprochen wurde, hatte die Polizei in Neuwied den 26jährigen Heinrich Nieleck aus Düsseldorf festgenommen, der als Legionswerber im Ruhrgebiet sein Unwesen getrieben, zehn Jugendliche mit dem Versprechen gut bezahlter Arbeitsstellen auf einem französischen Flugplatz nach Koblenz gelockt und ihnen dort Verpflichtungsscheine für die Legion vorgelegt hatte. Drei von ihnen unterschrieben.

Nichts deutet darauf hin, daß Arnold, Bind und Nieleck untereinander in Verbindung standen, oder daß sie auch nur den gleichen französischen Auftraggeber hatten. Die Festnahme eines dieser Verbrecher gab der Polizei noch keine Möglichkeit, die Spur des nächsten aufzunehmen. So weit verzweigt ist das Netz, das die Menschenhändler in Landau und Koblenz über Deutschland gezogen haben. Es ist sehr schwer, die Maschen zu zerreißen. Aber vielleicht läßt es sich doch unbrauchbar machen, wenn die deutschen Gerichte die Strafbefugnis ausnutzen, die ihnen der § 141 einräumt: sie reicht von drei Monaten bis zu fünf Jahren Gefängnis. Warum bewegen sich die Urteile noch so nahe an der unteren Grenze, während 46 000 junge Deutsche – von gewissenlosen Werbern ihren Eltern entführt – in Indochina vermißt oder gefallen sind?