Genf, Ende Juni

Man hat sich so sehr daran gewöhnt, in Fronten zu denken, daß die Identifizierung von Molotow und Tschou En-lai in Genf ganz selbstverständlich schien. So war es eigentlich überraschend, daß Molotow abreiste, bevor Tschou En-lai die entscheidende Besprechung mit Mendès-France, dem neuen französischen Ministerpräsidenten, führte. Dieser Umstand hat plötzlich deutlich werden lassen, daß die Interessensphären der beiden sich nicht ganz decken. Während Molotow an der Ausbreitung des Kommunismus gewissermaßen global interessiert ist, handelt es sich für Tschou En-lai, dem die EVG ziemlich gleichgültig sein dürfte, in erster Linie um die Vorherrschaft in Asien. Er hat keinen Zweifel daran gelassen, daß China eine Einflußnahme nichtasiatischer Staaten in Südostasien keinesfalls dulden werde. Natürlich ist Rußland als europäische und zugleich asiatische Großmacht von dem südostasiatischen Schauplatz nicht ausgeschlossen, aber der allgemeine Eindruck hier in Genf ist, daß Molotow sehr darauf bedacht war, die Souveränitätsgefühle Tschou En-lais, der der eigentliche Star der Genfer Bühne war, nicht zu verletzen.

Auch auf westlicher Seite erwachsen die sehr verschiedenartigen Auffassungen über das, was geschehen soll, aus der Andersartigkeit des Beteiligtseins. Amerika als die erste westliche Weltmacht ist auf die Verteidigung seiner Stellung in allen Erdteilen bedacht, während England in erster Linie an den Bestand seines Commonwealth denkt. Dieser Bereich umfaßt etwa 600 Millionen Menschen, von denen weit über 500 Millionen Nicht-Weiße sind, und eben darum denkt und handelt Eden anders als Dulles. Eden will in Asien nichts tun, ohne die Zustimmung der Colombo-Staaten: Indien, Pakistan, Ceylon, Burma und Indonesien, das zwar nicht zum Commonwealth gehört, sich aber der Nehruschen Führung anschließt.

Gewiß wollen beide, sowohl England wie die USA, die weitere Ausbreitung des Kommunismus verhindern, aber die Vorstellungen, wie das geschehen kann, sind sehr verschieden. Die Vereinigten Staaten sind von tiefem Mißtrauen gegen China erfüllt. Sie denken an Korea, an Tibet, an die zwei Millionen Chinesen, die die Regierung Mao Tse-tungs nach ihren eigenen Angaben liquidiert hat. Sie wollen zum Schutz der freien Welt ein Verteidigungssystem gegen China aufbauen: die SEATO (South East Asian Treaty Organization).

England aber ist gegen die SEATO, weil ein solches antikommunistisches Militärbündnis, nach dem . Muster der NATO, von vielen asiatischen Staaten skeptisch beurteilt wird. Es besteht nämlich der Verdacht, daß die Mitgliedschaft von Amerika, Australien und Neuseeland (die als ANZUS-Staaten zu der SEATO gehören würden) alte koloniale Ressentiments zu neuem Leben erwecken könnten. Tschou En-lai selbst hat zu verstehen gegeben, daß ein solcher Pakt von Peking als Aggression angesehen würde. Darum wollen die Engländer nicht ein Verteidigungssystem gegen China, sondern ein Garantiebündnis mit China. Genau dies ist gemeint, wenn Eden von Locarno spricht – ein Stichwort, das erstmalig fiel, als Churchill seine berühmte Rede an 11. Mai 1953 hielt, jenem Datum, an dem die eigentliche Differenz zwischen der amerikanischen und der englischen Auffassung deutlich wurde.

Was eigentlich bedeutet der Begriff Locarno? Zu dem ursprünglichen Locarno-Paktsystem vom Oktober 1925 gehörten Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Belgien und Italien. Diese Staaten hatten sich zusammengeschlossen, um die damals bestehenden Grenzen zwischen Frankreich und Belgien einerseits und Deutschland andererseits zu garantieren. Die Signatarmächte verpflichteten sich, wenn der Völkerbund eine Verletzung feststellen sollte, dem Angegriffenen Beistand zu leisten. Der Pakt richtete sich also nicht von vornherein gegen einen bestimmten Gegner, sondern gegen einen möglichen Angreifer innerhalb eines bestimmten Kreises.

Unter Zugrundelegung dieses Schemas stellt England sich jetzt offenbar in Asien einen Bündnisvertrag vor, zu dem sowohl die Vereinigten Staaten wie China gehören, die zusammen mit anderen asiatischen Staaten eine Demarkationslinie in Indochina garantieren sollen. Auf diese Weise hofft England eine größtmögliche Zahl von Staaten für die Erhaltung des Friedens in Asien zu gewinnen. Die Vereinigten Staaten aber sind erstens grundsätzlich gegen eine Demarkationslinie in Vietnam, also gegen die Teilung des Landes, weil sie mit Recht befürchten, daß das unweigerlich allmählich zu einer "friedlichen" kommunistischen Durchdringung des nationalen Teiles führen würde. Sie befürchten zweitens, daß bei einem solchen Locarno-Bündnis die nichtkommunistischen Staaten, sich ungerechtfertigterweise in Sicherheit wiegend, jede Verteidigungsbereitschaft aufgeben würden, und drittens wollen sie kein Bündnis eingehen, an dem China in irgendeiner Weise beteiligt ist, weil das einer Anerkennung Chinas gleichkommen könnte.