Am 29. Juli vor hundert Jahren wurde als Sohn ganz armer Leute in der Münchener Vorstadt Au Georg Kerschensteiner geboren, der nach einem fast romanhaften Aufstieg als Reformator der Erziehung zu Weltruhm gelangte. Daß die Zentenarfeier vor den Anfang der Sommerferien, auf den 2. Juli, verlegt ist, dokumentiert die schöne Absicht, seine Gestalt auch in der jüngsten Generation wieder lebendig zu machen. Aus der meisterlichen kleinen Biographie, die seine Enkelin Gabriele Fernau-Kerschensteiner soeben veröffentlicht („Georg Kerschensteiner“ oder „Die Revolution der Bildung“, Verlag Wilhelm Steinebach, München/Düsseldorf, 150 Seiten) ergibt sich, wieviel urbajuwarische Lebensfreude und Heiterkeit in diesem rastlos arbeitenden Manne war, dem es zu verdanken ist, daß der moderne Schulunterricht, wo irgend möglich, an die Selbsttätigkeit des Kindes und des Jugendlichen anknüpft, und daß für die ersten Jahrgänge der Berufstätigen Fortbildungs- und Berufsschulen zur Verfügung stehen. Kerschensteiners reichhaltiger Nachlaß wartet noch auf Veröffentlichung. Darin fand sich die folgende Meditation über den pädagogischen Sinn des Strafens, die uns Frau Gabriele Fernau zum Abdruck überließ.

Es war im Oktober 1862, als mein Vater mich, den achtjährigen Knaben, in die Privatzeichenschule des Herrn „Professor“ Anton Filser schickte. Ob es ein regelrechter „Studienprofessor“ war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß er unser lieber „Filsertoni“ war. Zwei Gründe bestimmten meinen Vater wohl: Erstens, um mich an den Mittwoch- und Samstagnachmittagen von der Straße fernzuhalten, zweitens, um meinem Zeichendrang die nötige Nahrung zu geben.

Meister Filser hatte ein solides System: es mag wohl das System des Herrn Weishaupt gewesen sein, der damals im Süden Deutschlands der führende Zeichenpädagoge war. Die Hauptsache war „die reinliche Linie“. Wir begannen mit Strichübungen, waagerecht, senkrecht, schräg nach links, schräg nach rechts, Bögen, Wellen, Schnecken, Spiralen und so weiter; schritten dann fort zum Abzeichnen von reinen Linienornamenten, vor allem Palmetten; weiter zu Augen, Nasen, Ohren, Mündern, dann zu schönen ganzen Gesichtern, ja, Köpfen, endlich zu Landschaften und Architekturbildern – alles nach gut ausgewählten, auf blaue Pappendeckel aufgezogenen, mit dem Stempel „Filsers Zeichenschule“ versehenen Vorlagen. Das letztere war besonders bei den Köpfen, Landschaften und Architekturbildern notwendig, damit sie nicht eines Tages als Wandschmuck im Zimmer eines seiner ktinstliebenden Schüler hingen.

Alle Vorlagen waren gruppenweise in etwa sechs oder acht Schubladen einer großen, gelb polierten Kommode geordnet. Mich fesselte vor allem die Schublade mit den schönen Landschaften von Calame. Zu ihr aufsteigen zu dürfen, war die Sehnsucht meines Herzens.

Ich mochte etwa ein oder zwei Jahre mich in der Hand des gütigen, heiteren, immer zu Späßen geneigten Lehrers befunden haben, als er eines Tages sehr feierlich den Saal betrat. „Kinder“, rief er, „wir stellen im Glaspalast aus.“ „Dös haut“, ging’s durch die Klasse. „Jeder von euch darf zeichnen, wozu er Lust hat; nur muß jeder in seiner Schublade bleiben, bei der er sich im Unterricht befindet. Unter jede Zeichnung setzt ihr schön euren Namen, und alle guten Arbeiten kommen dann in den Glaspalast.“

Meine Phantasie aber eilte meiner eigenen Schublade weit voraus. Ich war eben vor wenigen Wochen aus der Palmetten-, Schnecken-, Akanthusschublade herausgekrochen und hatte bereits Zutritt zur Nasen-, Mund-, Ohren-, Augenschubhabe erhalten. Aber ich lebte doch schon seit Mona – in einer der obersten Schubladen, wo die schönen Landschaften lagen. Als wir also zum Aussuchen unserer Meisterwerke schritten, da konnte ich es nicht unterlassen, in das Reich meiner Träume zu greifen, eine schöne, neue, noch nicht auf Pappendeckel aufgezogene, im Hintergrund mit Bäumen, im Vordergrund mit einer kleinen Schafherde gefüllte Landschaft hervorzuholen und den Herrn Professor zu bitten, das Meisterwerk abzeichnen zu dürfen. Überdies: Sechs Nasen oder sechs Ohren oder sechs Augen auf einem Blatt mit meinem Namen Georg Kerschensteiner ausgestellt zu wissen, entsprach nicht ganz meinem Künstlerstolz. Schließlich hatte ich doch schön meinem Vater zum Namenstag eine Landschaft – durchgepaust, und das konnte man doch immer wieder versuchen. Filser guckte mich schief über seine Brille sehend, aber lächelnd an. „Ja, kannst du denn das?“

„I schon“, antwortete ich. „Gut, mein Raffael“, sagte er, „ausnahmsweise, weil du immer so fleißig warst, zeichne sie.“ Was wollte er mit dem „Raffael“? Was habe ich mit dem heiligen Erzengel zu tun? Ich kannte aus der biblischen Geschichte nur den Raphael mit dem schwierigen „ph“, der mit dem scharfen „ff“ war mir noch nicht vorgestellt. Meinte er, ich sollte nicht betrügen? Denn ein Erzengel betrügt nicht!