Die Stunde war in wenigen Minuten zu Ende. Ich ließ noch vor der Klasse und allerdings auch vor dem inzwischen eingetretenen Ordinarius, dem ich erst wenige Stunden vorher vorgestellt worden war, den ganzen Tatbestand festnageln und erklärte: „In einer Viertelstunde gehe ich auf das Rektorat und melde den ganzen Vorfall. Wenn Sie mich“ – sagte ich zum Deliquenten – „innerhalb dieser Zeit um Entschuldigung bitten, werde ich es unterlassen.“ Dann verließ ich das Zimmer.

Als ich meinem Freunde Trumpp im Lehrerzimmer die mir etwas unbehagliche Geschichte erzählte, umarmte er mich. „Du hast’s erreicht, Oktavio!“ Ich aber war stark im Zweifel, ob ich’s erreicht hatte. Doch siehe da! Der Schüler kam und bat um Entschuldigung. Mein Herz war zweifach erleichtert. Daß mir das Peinliche der Selbstanklage erspart blieb, war mir das geringere. Daß der Junge aber sich selbst überwunden hatte, das war mir wertvoll. Nach vier Wochen waren wir Freunde; ich war ihm ein Freund schon eine halbe Stunde nach der Tat.

Ich hatte bereits eine zehnjährige Lehrerfahrung am Gymnasium hinter mir, als ich an das Ludwigs-Gymnasium nach München berufen wurde. An den nicht allzu großen Oberklassen der Schule hatte ich die Gewohnheit, zu Beginn der Unterrichtsstunde, von Bank zu Bank gehend, rasch die Aufgabenhefte zu überfliegen. Da bemerkte ich eines Tages – ich war schon ein Jahr Jane mit meinen Schülern kameradschaftlich verbunden –, daß vier Schüler der Obersekunda die Aufgaben von anderen Schülern wörtlich abgeschrieben hatten. Nun, einmal ist keinmal. Solche Dummheiten macht jeder einmal. Ich sagte also zu den Abschreibern „Laßt mir solche Dinge bleiben. Ich grabe das Kriegsbeil nicht aus, wenn einer einmal keine Zeit findet, die Aufgabe zu machen, oder wenn er sie überhaupt nicht lösen kann. Er soll sich aber entschuldigen.“

Acht Tage später erlebte ich jedoch das gleiche. Der Fall wurde kritisch. Nicht bloß die Abschreiber, sondern auch die Originalschriftsteller wurden mir haftbar. Ich verwarnte beide, die letzteren, da ich sie nicht genau kannte, in einer ganz allgemeinen allocutio, die aber nicht einen „tröstenden“, sondern einen „strafandrohenden“ Charakter hatte.

Gleichwohl fand ich abermals acht Tage später zwei der alten Sünder in unbußfertigem Zustand. Da wollte mir die Geduld reißen. Aber wie weit sollte ich strafen? Waren nicht die Originale ebenso schuldig wie die Kopisten? Womit sollte ich strafen? Arrest? Strafaufgaben? Gut. Aber der kameradschaftliche Geist dieser Klasse, den ich genau kannte, ließ durch solche Mittel, die ich ohnehin schon lange verachten gelernt hatte, die Sache nicht bessern. Die Brüder würden wahrscheinlich nur etwas schlauer die Sache einrichten. Warum denken wir alten Strafmeister nicht an die kameradschaftlichen Pflichten unserer eigenen Jugend? An die „technische Nothilfe“, die wir verlangten und gewährten? Lebhaft stieg in mir das Bild der Zeiten auf, wo ich mir bewußt war, dem Freunde gegen die Qualen der Hausaufgaben helfen zu müssen. „Quetsch“, sagten meine nachbarlichen Kursgenossen, im Studiersaal des Seminars zu mir („Quetsch“ war eine durch Lautverschiebung entstandene Form von Zwetschge, und Zwetschge eine sinnige Abwandlung von Kersche), „Quetsch“, sagten sie, „mach, daß du einstudierst, damit du uns morgen bei der Schulaufgabe einsagen kannst.“ Und als ich es einmal wagte, in der Studierzeit gleichwohl heimlich meinem Lieblingsvergnügen nachzugehen, Dickens zu lesen, da räumten sie mir vier Tage vor der großen Schulaufgabe das ganze Pult aus, bis auf die Lehrbücher. Am nächsten Abend mußte ich wohl oder übel das einschlägige Lehrbuch ohne geheime Unterlagen vor mich auf meinem Studierpult auflegen und mich damit beschäftigen. Es war mir sehr ärgerlich, denn ich hatte gerade die herrlichen Pickwickier in der Arbeit. „Lern, Quetsch, und gleich nach der Schulaufgabe kriegst du sie wieder“, sagte mein Gegenüber, ein lustiger dicker Schwabe. Ich wußte, was „Pflicht“ ist – und lernte.

Wie konnte ich also dieser Gesellschaft beikommen? Da trat die Vorstellung „Klassengeist“ in den Blickpunkt meiner Überlegungen. Und es schien mir klar, was ich zu tun hatte. Ich trat vor die Schüler-, und sagte mit ernster Miene: „Ihr seid nicht wert, daß ich euch Mathematikunterricht weiterhin erteile. Die guten Schüler nicht, weil sie trotz meines Verbotes ihre Hefte zum Abschreiben hergaben, die schlechten nicht, weil sie mich immer wieder täuschen wollen. Wenn der kameradschaftliche Geist der Klasse solche Formen annimmt, dann mag ich in einer solchen Klasse nicht lehren. Überlegt euch jetzt, was ihr tun wollt. Die Führer eurer Gemeinschaft sollen mir melden, ob sie den Klassengeist anders dirigieren wollen oder nicht. Wenn nicht, bitte ich den Rektor um Enthebung vom Unterricht in dieser Klasse (was mir freilich sehr schwerfallen würde, da ich die Klasse liebte). Sie können mich im Bibliothekszimmer wiederfinden.“ Damit verließ ich den Klassenraum, noch ehe ich den Unterricht begonnen hatte.

In der Bibliothek setzte ich mich etwas unruhig nieder. Am Ende hast du dich doch in der Klasse getäuscht, fragte ich mich. Wenn sie jetzt auf dem Kopf stehen vor Vergnügen, daß der fade Kerl endlich einmal draußen ist? Ich wartete fünf Minuten. Alles still im Haus. Zehn Minuten! Noch niemand kam. Ich stand auf und ging unruhig auf und ab und verdammte meine pädagogische Klugheit. – Doch, auf einmal hörte ich Tritte auf dem Solnhofener Pflaster des alten Klosterganges. Es klopfte an meiner Türe. Noch nicht 13 Minuten waren verflossen, als drei der besten Schüler eintraten, bei mir um Entschuldigung baten und erklärten, die Klasse hätte verabredet, wenigstens bei mir solche Abschreibereien künftig zu unterlassen, und sie drei übernähmen die Gewähr dafür. Das war nun freilich ein Limitatio moralitatis – aber ich hielt den Augenblick nicht für geeignet, dieses limitierte Versprechen abzulehnen. So kehrte ich, begleitet von meinen drei Gewährsleuten, äußerlich sehr ernst, innerlich sehr befriedigt, ins Klassenzimmer zurück, bedankte mich für den Beschluß und ließ dem Unterricht einen immer munter werdenden Verlauf.