Die Menschen standen dichtgedrängt auf der Überseebrücke, um bei der Abfahrt zuzusehen. Es war kein großes Schiff. Aber es war immerhin ein Kriegsschiff, über die Toppen geflaggt, und an Bug und Heck und an der Mastspitze wehte die blau-weiße Fahne mit der goldenen Sonne Argentiniens. Jeder der 93 Kadetten der „Bahia Thetis“ hatte beim Abschied versichert, daß Hamburg für ihn das größte Erlebnis der Fahrt gewesen sei. Argentinische Kadetten sagen vielleicht besonders liebenswürdige Dinge zum Abschied. Sie behaupteten sogar mit romanischer Ritterlichkeit, auch in den folgenden elf Häfen ihrer Weltreise – das wüßten sie genau im voraus – würde ihnen keine Abfahrt so schwerfallen wie diese. Obwohl die Bordfeste in Bahia, Lissabon und Bordeaux länger gedauert hätten und schwungvoller waren. In jedem Hafen lädt der Kapitän der „Bahia Thetis“ zu einem Fest ein. Dann werden Lampions um das Achterdeck gehängt, die Militärkapelle verwandelt sich in eine südländische Jazzband und – da man die große Kanone unmöglich wegschieben kann, tanzt man um sie herum. Sie sieht so harmlos aus in ihrem Leinenanzug. Siebzehn Bordfeste auf der sechs Monate dauernden Reise zwischen Buenos Aires, Stockholm und Talcahuano. Jedesmal steigen junge Mädchen in ihren schönsten Kleidern etwas schüchtern und voller Erwartungen an Bord. Und viele von ihnen stehen bei der Abfahrt am Kai.

Wie sollen sich die Kadetten an ein einzelnes Fest, an ein einzelnes Gesicht erinnern? Aber vielleicht behält für sie doch jeder Hafen ein Gesicht. Mit blonden oder schwarzen Locken, dunklen oder blauen Augen. Je weiter das Schiff nach Norden kommt, desto mehr sind es nur noch Augen und Gebärden, die bleiben, weil die Worte nicht mehr zu verstehen sind.

„Ich werde nach jedem Hafen trauriger“, sagte einer der Kadetten. Warum? „Weil ich jedesmal etwas mehr von der Welt und dem Leben lerne. Bisher hatte ich nur Vorstellungen vom Leben. Nun werden sie Wirklichkeit. Wenn sie schön ist, macht es traurig, sie zu verlassen. Wenn sie häßlich ist, macht es traurig, sie gegen einen Traum eingetauscht zu haben.“

Mit 15 Jahren sind sie Kadetten geworden. Die Ausbildung ist sehr streng, und nicht alle halten sie durch. Der Abschluß der fünfjährigen Schulzeit ist eine Weltreise, und der Abschluß der Weltreise das Offizierspatent. Man erzählte flüsternd, daß vor zwei Jahren ein Kadett in Spanien verschwunden wäre. Man hat ihn wiederfinden können. Und mehrere hat man mit Gewalt wieder auf ihr Schiff holen müssen, weil sie sich in das Leben verliebt hatten. M. Z.