Die Tumulte und Schlägereien, die kürzlich im japanischen Parlament ausbrachen und den Ministerpräsidenten Joshida daran hinderten, sich auf die vorgesehene Reise nach Amerika zu begeben, zeigen, daß nicht nur die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Japan groß sind, sondern auch die innerpolitischen Spannungen zunehmen. Die Unruhen brachen aus, als Joshida die Regierungsvorlage zur Zentralisierung der Polizei (die von Mac Arthur dezentralisiert worden war) einbrachte. Der Aufruhr wurde von zwei Seiten unterstützt: Die Linke wandte sich gegen die vermeintliche Rückkehr des alten militaristischen Nationalismus, die Rechte warf Joshida vor, er demütige das Land durch seine Reise in die Vereinigten Staaten. Das Gefühl einer Entwürdigung steckt in der Tat tief im Volk, nicht nur in den extrem rechtsgesonnenen Japanern. Sie können nicht verwinden, daß sie, die in San Franzisko angeblich ihre Souveränität wiederbekommen haben, noch immer von allen internationalen Vereinbarungen und Organisationen ausgeschlossen sind. Nicht einmal bei den Besprechungen über die Verteidigung von Südostasien wird Japan, dessen Hauptmärkte heute dort liegen, zugezogen.

Tokio, im Juni

Stellung in den 30er Jahren. Die meisten blicken furchterfüllt, zugleich aber auch hoffnungsvoll auf ihren mächtigen Nachbarn, denn Handel mit China ist die Devise, der sich alle Parteien verschrieben haben. Die wirtschaftlichen Strukturen Von China und Japan sind einander diametral entgegengesetzt. Japan ist das einzige hochindustrialisierte Land Ostasiens, das überdies in hohem Maße von der Einfuhr von Lebensmitteln und Rohmaterial abhängig ist. China dagegen ist vorwiegend ein Agrarland mit einem starken Importbedarf an industriellen Gütern. Kein Wunder, daß die Japaner China als eine ideale Ergänzung ansehen. Vor dem Krieg importierte Japan Koks, Kohle, Eisen und Ölkuchen aus China. Heute kauft Japan Koks und Schrott in den Vereinigten Staaten, was natürlich die Gestehungskosten der japanischen Industrie erheblich verteuert und deren Konkurrenzfähigkeit verschlechtert hat.

China seinerseits kaufte früher in großem Umfang japanische Maschinen und industrielle Erzeugnisse. Heute sehen die Japaner mit Schrecken, daß Rußland, die Tschechoslowakei und andere sowjetische Satellitenstaaten sie aus diesem Markt verdrängt haben, und befürchten, daß er ihnen endgültig verlorengehen wird, wenn es ihnen nicht gelingt, diese Absatzmärkte in absehbarer Zeit zurückzugewinnen.

Chinas Außenhandel spielt sich heute zu 75 v. H. im Bereich der kommunistischen Länder ‚ab, darum befindet sich das Reich Mao Tse-tungs, das am japanischen Handel nur aus politischen Gründen interessiert ist, in einer verhältnismäßig starken Position Japan gegenüber. Als im vorigen Jahr eine Delegation des japanischen Parlaments China besuchte, hat der stellvertretende Vorsitzende Kuo Mo Jo erklärt, der damals bestehende Vertrag über 30 Millionen Pfund Sterling sei nur ein. Anfang. Das Handelsvolumen könne um das Zehnfache gesteigert werden, allerdings sei die Voraussetzung, daß Japan sich von den amerikanischen Imperialisten befreie und einen Nichtangriffspakt mit China unterzeichne.

Die Japaner sind sich durchaus im klaren darüber, was das bedeutet, sie wissen aber auch, daß der Handel mit China für sie eine absolute Lebensfrage ist. 1937 nahm der Yen-Block (die Mandschurei und Nordchina) ein Viertel der gesamten japanischen Ausfuhr auf, 1939 sogar fast die Hälfte. Die Tatsache, daß heute die japanische Produktion schon wieder 150 v. H. beträgt, verglichen mit 1936, der Umfang des Exports aber nur 40 v. H. des Vorkriegsniveaus erreicht hat, zeigt, wie verloren Japan ohne den chinesischen Absatzmarkt ist.

Die japanische Nachkriegswirtschaft weist einige grundsätzliche Strukturfehler auf. Japan hat seine riesigen überseeischen Territorien verloren und damit die natürliche Quelle seiner Rohstoffe und Nahrungsmittel. Heute sind auf den vier Inseln 86 Millionen Menschen zusammengepfercht und zum Tode verurteilt, wenn man ihrer industriellen Erzeugung nicht freie Bahn schafft. In den letzten 20 Jahren hat sich die Bevölkerung um fast ein Viertel vermehrt, und innerhalb der nächsten 20 Jahre wird Japan vermutlich die 100-Millionen-Grenze erreichen. Die Erzeugung von Nahrungsmitteln hingegen hat sich nicht in gleichem Umfange vergrößert. 20 v. H. aller Importe Japans sind Nahrungsmittel. Im Jahre 1952 sind dafür 500 Millionen Dollar ausgegeben worden. Und noch eine Schwierigkeit: Über 80 v. H. der Rohstoffe, die Japan benötigt, kommen von außerhalb, vor allem Koks, Kohle, Eisen, Rohöl, Baumwolle, Gummi, Zink und Bauxit. Wenn das Defizit der japanischen Handelsbilanz ausgeglichen werden soll, so müßte Japan den bisherigen Umfang seiner Exporterlöse verdoppeln – eine unter den heutigen Umständen gar nicht durchzuführende Forderung.