Ratzeburg, Ende Juni

Der Roman vom „Verfall einer Familie“ steht am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts: Thomas Manns „Buddenbrooks“. Um die Jahrhundertmitte erscheint wieder ein Werk, das der Familie mit ironischer Skepsis gegenübersteht: T. S. Eliots „Familientag“. Die Weltliteratur unserer Zeit, sonst so vielfältig gespalten, scheint in einer Feststellung übereinzustimmen: Die Familie hat die tragende und bergende Kraft verloren, die sie einst zum Fundament der Gesellschaft machte. Sie übt allenfalls den Einfluß eines hemmenden Kollektivs auf den einzelnen aus, der – wie Thomas Buddenbrook und Eliots Henry – nur dann noch zu eigener Persönlichkeit kommen kann, wenn er diese Schranken durchstößt.

Das ist das Bild der großen Literatur. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Sie zeigt, daß die Familie sich als Element der sozialen Ordnung wieder zu etablieren beginnt. Sie wird wieder zu jener kleinsten Gruppe, in die der einzelne durch vielfältige Beziehungen verwoben ist – das erwünschte Gegenbild zum Kollektiv mit seiner Anonymität.

Ein nicht alltägliches Ereignis bot Gelegenheit, über diese Wandlung nachzudenken: die Achthundertjahrfeier der Familie v. Bülow, die aus diesem Anlaß einen Familientag in Ratzeburg beging. 128 Träger dieses Namens kamen zusammen, 81 weibliche, aber nur 47 männliche – so stark machen sich die Kriegsverluste bemerkbar! „Liebe Cousinen, liebe Vettern!“ lautete die Anrede bei den Mitteilungen und den Vorträgen im romanischen Kapitelsaal des Doms. Was bedeutet diese Zusammengehörigkeit? Was kann die Tradition, die hier wachgerufen wurde, für unsere Situation besagen? Sind die Bülows eine Ausnahme oder können sie als typisch betrachtet werden? Ist der Adel, wie viele meinen, ein Anachronismus, der alle soziale Funktion verloren hat und – soziologisch gesehen – nur noch ein Scheindasein fristet?

Der Urahn war ein Manager

Die Famile v. Bülow fühlt sich, über den engeren Familienkreis hinaus, als eine Sippe. Der seit 1867 bestehende Familienverband umfaßt alle deutschen Träger des Namens, und es gab kein Befremden, als der Ratzeburger Dompropst bei seiner Begrüßungsansprache den Vorsitzenden des Familienverbandes, Freiherrn Hilmar v. Bülow, „Ihr Oberhaupt“ nannte. Eine lückenlose Genealogie, die bis auf das Jahr 1228 zurückgeht, sorgsam gepflegte Familienforschung, Interesse und, wo es nötig ist, Fürsorge für jeden, der Bülow heißt, die periodische Geselligkeit der Sippenzusammenkünfte – all das gibt einen kontinuierlichen Halt für jeden Angehörigen, bei dem das Bewußtsein wachgehalten wird, ein Bülow zu sein.