Seit Anfang April nimmt der Warenbestand der Fleischgeschäfte in der Sowjetzone und sogar in Ostberlin, das in der Versorgung noch immer eine Sonderstellung innehat, zusehends ab. Der Grund für diesen Tatbestand ist nicht einfach eine Fehplanung des Pankower Ministeriums für Handel und Versorgung bei der bedarfsgerechten Warerstreuung, sondern ein echter Mangel an Futtermitteln, an dessen Entstehen in der Hauptsache das sowjetzonale Ministerium für Land- und Forstwirtschaft unter dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Paul Scholz die Schuld trägt.

Die vorjährige Kartoffelernte in der Sowjetzone belief sich bei einer geplanten, aber nicht erreichten Anbaufläche von 850 000 Hektar auf etwa 10 bis 11 Mill. t, während 1939 von nur 800 000 Hektar fast 15 Mill. t geerntet worden waren. Nach Abzug von 5 Mill. t für die Versorgung der Bevölkerung, 2 Mill. t für den Saatgutbedarf und 1 Mill. t Schwund blieben für die Schweinemast nur 2 bis 3 Mill. t übrig, denen ein Bedarf von 8 Mill. t gegenüberstand. Dennoch hat sich der Schweinebestand infolge der Viehhaltepläne, die Gesetzeskraft haben und jedem landwirtschaftlichen Betrieb ohne Rücksicht auf die Futtergrundlage die Zahl der zu züchtenden Tiere und die Menge des abzuliefernden Fleisches vorschreiben, auf rund 8,7 bis 8,8 Mill. Stück erhöht. Diese Menge müßte ausreichen, um innerhalb eines Jahres den normalen Bedarf der Bevölkerung zu decken. Da aber außer Kartoffeln auch alle anderen Futtermittel nur in ungenügender Menge verfügbar sind, ist die Einhaltung der Viehzuchtauflage nur auf Kosten der Qualität möglich. Um ihr Ablieferungssoll erfüllen zu können, bieten sowohl die privaten Bauern als auch die „volkseigenen“ Güter und die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften die Schweine den staatlichen Erfassungsstellen schon in einem Futterzustand an, den jeder westdeutsche Fleischer als erbärmlich bezeichnen würde.

Ähnlich verhält es sich mit dem Rindfleisch. Der Bestand an Rindvieh war im vorigen Jahr mit 3,97 Mill. Stück, davon etwa 1,96 Mill. Kühen, um rund 5 v. H. höher als in der Vorkriegszeit. Aber der Futterstand auch dieser Tiere ist denkbar schlecht, worunter nicht zuletzt die Milcherzeugung leidet, die im Vorjahr bei 4 Mill. t (gegenüber 5 Mill. vor dem Kriege) lag. Die durchschnittliche Jahresleistung je Kuh lag im vorigen Jahr in der Sowjetzone bei 2000 Litern, gegenüber 2700 in der Bundesrepublik. Schuld an diesem erheblichen Leistungsabfall ist auch der schlechte Zustand der Wiesen und Weiden, besonders im Norden der Zone, und die Düngemittelknappheit. Ein besonders trübes Kapitel ist nicht zuletzt der völlig unzulängliche Kampf gegen die Tierseuchen, insbesondere die Schweinepest, aber auch Maul- und Klauenseuche, Rotlauf, Geflügelpest und Bang-Bazillus. Es fehlt sowohl an Veterinärmedizinern als auch an wirksamen Medikamenten, ganz abgesehen davon, daß sich kein privater Bauer den Ausfall eines seuchenerkrankten Tieres bei der Ablieferung leisten kann, ohne die Erfüllung seines Solls zu gefährden. Schon gegen Ende des vorigen Jahres waren bei ständig steigender Tendenz fast 1400 Gemeinden in der Sowjetzone durch Schweinepest verseucht, der bei vorsichtiger Schätzung innerhalb der letzten zwölf Monate mindestens 200 000 Tiere zum Opfer gefallen sind.

Angesichts der blamablen Eingeständnisse auf dem Dezemberplenum der KPdSU aus dem Munde von Malenkow und Chrustschew, wonach die sowjetische Landwirtschaft den Eigenbedarf des Landes an vielen Produkten infolge sinkender Leistungen kaum mehr zu decken vermag, empfinden die Bauern Mitteldeutschlands es als bitteren Hohn, wenn ihnen zur Überwindung ihrer Schwierigkeiten jetzt aus dem Munde der Sowjetzönengewaltigen die Anwendung sowjetischer „Neuerermethoden“ dringend empfohlen wird. Wie sich gezeigt hat, ist Moskau nicht einmal imstande, die von Handelsminister Mikojan anläßlich des SED-Parteitages gemachten Versprechungen zur Überbrückung der bedrohlichen Versorgungslücke einzulösen, weil es selbst ebenso wie die Landwirtschaft aller übrigen Ostblockstaaten unter den gleichen oder ähnlichen Mangelerscheinungen leidet. gns.