In den Washingtoner Besprechungen zwischen Eisenhower und Churchill haben auch die britisch-ägyptischen Differenzen über die Räumung der Suez-Kanalzone durch die dort stationierten 80 000 Mann starken britischen Truppen eine Rolle gespielt. Seitdem die Räumungsverhandlungen vor dreizehn Monaten in Kairo begonnen hatten, waren die Amerikaner erfolglos bemüht, zwischen den beiden Parteien zu vermitteln. Während London sich über die amerikanischen „Einmischungen“ zugunsten Ägyptens beschwerte, beklagte sich Kairo über eine zu geringe Unterstützung durch Washington und insbesondere darüber, daß das State Department auf Grund eines britischen Ersuchens die vom amerikanischen Kongreß für das Etatsjahr 1953/54 bewilligte wirtschaftliche Auslandshilfe für Ägypten in Höhe von 20 Millionen Dollar bisher nicht zur Verfügung stellte. England hatte seine Bitte damit begründet, daß eine Auszahlung dieses Betrages an Ägypten nur dazu beitragen würde, den Widerstand Kairos gegen die Annahme der britischen Bedingungen zu verstärken.

Nun ist es aber ein Leitmotiv der amerikanischen Außenpolitik im Nahen Osten, die an die arabischen Staaten und an Israel gegebene Auslandshilfe auszubalancieren. Durch die Zurückhaltung der für Ägypten bestimmten 20 Millionen Dollar ist eine von den arabischen Ländern heftig kritisierte Bevorzugung Israels eingetreten, die von Washington keineswegs beabsichtigt war. Die Angelegenheit wird für die Vereinigten Staaten dadurch noch kompliziert, daß der Kongreß die 20 Millionen Dollar für Ägypten neu bewilligen muß, wenn sie nicht bis zum Ablauf des Etatsjahres am 30. Juni ausgezahlt sind. Das State Department hat in London nicht nur auf diesen Fall hingewiesen, sondern auch zu verstehen gegeben, daß seine Nachgiebigkeit gegenüber britischen Wünschen in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ein Hindernis für die Pläne zur Sicherung der freien Welt ist. Die Tatsache, daß trotz der zurückgehaltenen amerikanischen Auslandshilfe die britisch-ägyptischen Verhandlungen völlig festgefahren sind, hat mit dazu beigetragen, daß Washington ohne Rücksicht auf England seine eigene Politik im Nahen und treiben begonnen hat. Der dem Commonwealth-Staat kisch-pakistanische Vertrag Politik, die anstrebt, auch Länder, die England zu seinem zählt, in dieses Paktsystem einzubeziehen.

Auf Grund dieser Entwicklung hat sich in land eine stärkere Bereitschaft zur Lösung Suez-Kanal-Frage eingestellt. Mitte Juni wurden in London im Einverständnis mit dem Foreign Office Einzelheiten über einen neuen britischen Vorschlag an Ägypten veröffentlicht. Danach ist die britische Regierung bereit, auf die bisher hartnäckig geforderte Stationierung von 4000 uniformierten britischen „Technikern“ in der Kanalzone zum Schutz und zur Instandhaltung der mit einem Kostenaufwand von 700 Millionen Dollar geschaffenen Verteidigungsanlagen zu verzichten und sich damit einverstanden zu erklären, daß Privatunternehmer unter ägyptischer Leitung mit dieser Aufgabe betraut werden, wobei es England nur gestattet sein soll, von Zeit zu Zeit Inspektionen vorzunehmen. Durch dieses Entgegenkommen Englands dürfte das größte Hindernis für den Abschluß eines Abkommens beseitigt sein. England besteht allerdings auch in seinem neuen Vorschlag darauf, daß sein Recht, im Falle eines Angriffs auf irgendein Land der Arabischen Liga die Verteidigungsanlagen in der Suez-Kanalzone automatisch wieder benutzen zu dürfen, auch bei einem Angriff auf die Türkei gelten soll. In den bisherigen Verhandlungen hatte Ägypten diese Forderung energisch abgelehnt. Inzwischen hat aber der ägyptische Ministerpräsident Nasser zu verstehen gegeben, daß seine Regierung bereit sei, den Widerstand gegen die Einbeziehung der Türkei fallen zu lassen, so daß auch dieser zweite große Streitpunkt seine Lösung gefunden zu haben scheint.

Dagegen ist noch ungeklärt, ob Ägypten die neue britische Forderung auf Verlängerung des Zeitraumes, in welchem das Recht auf Wiederbesetzung der Kanalzone im Falle eines Krieges besteht, von sieben auf zehn Jahre annehmen wird. Gut unterrichtete politische Beobachter beider Seiten sind der Ansicht, daß Ägypten die unmittelbar nach der Rückkehr Churchills aus Washington in Kairo beginnenden Verhandlungen über den neuen Vorschlag Englands nicht an der Frage der Verlängerung des Termins scheitern lassen wird. Es besteht also die berechtigte Hoffnung, daß der Streit um die Räumung der Suez-Kanalzone kurz vor einer beide Parteien befriedigenden Lösung steht. Ernst Krüger