Von E. A. Greeven

Ein tragikomisches Geschöpf – Mensch genannt – werkelt und wurstelt auf einem ziemlich bescheidenen Planeten herum, der mit seinen teils kleineren, teils größeren Geschwistern um eine der millionenfach im Weltenraum leuchtenden Sonnen kreist, die auch ihrerseits noch lange nicht zu den majestätischen Prunkstücken des Alls zählt. Alles in allem hätte das winzige Stäubchen Mensch also wenig Anlaß, seine Nase besonders hoch zu tragen, wenn nicht jene unvorstellbare Macht, von der wir nichts wissen, aber seit Jahrtausenden immerfort reden, ihm die Gabe verliehen hätte, ein bißchen abstrakt denken zu können. Diese einzigartige Gabe gestattete es dem Menschen – besser gesagt: sie trieb vereinzelte Exemplare seiner Spezies dazu, mit einer Nahrungssuche zu beginnen, der man den Namen Forschung gab. So erforschten sie ihr eigenes Sein, ihr Werden und Vergehen mit allen den fragwürdigen Konsequenzen, die das Begreifen des unvermeidlichen Phänomens Tod mit sich bringt; des weiteren ihre terrestrische Umwelt und, mit dem Blick nach oben, die Umwelt ihrer Götter am Himmelsgewölbe (wobei das Gewölbe immer gigantischer nach allen Seiten wuchs und die Götter immer weniger von ihrer anthropomorphen Natur behielten und sich sublimierten).

Nachdem der Prozeß des Denkens und Forschens – ein Weg vieler Irrtümer und einiger Wahrheiten – nun schon für irdische Begriffe eine gute Weile gedauert hat, aber kosmisch betrachtet nur den mikroskopischen Bruchteil einer Sekunde, darf man in aller Bescheidenheit feststellen, daß wir heute erst am Anfang einer Erforschung des Weltalls stehen und daß für den beliebten und fruchtbaren Gelehrtenkrach über strittige Fragen noch unendlich viel Material in Bereitschaft liegt, dieweil der Kosmos neben unzähligen Sternen fast ebenso zahllose Fragezeichen beherbergt. Unsere Urenkel werden noch vollauf die schönsten Gelegenheiten haben, ihrer Mitwelt zu beweisen, daß wir heute gar nichts wußten und unglaublich rückständig waren.

Da nun mal unsere kleine Erde wie ein verlorenes Tröpfchen in der schauerlichen Öde des Weltenraums hängt, liegt der Wunsch recht nahe, unser Wissen vom heutigen Stand des astronomischen Weltbildes mit den Forschungsergebnissen der Geologie, Biologie und Atomphysik zu verknüpfen und eine Gesamtschau über die mehr oder weniger gesicherten Erkenntnisse der irdischen und himmlischen Sphäre zu geben. Nicht für die Fachgelehrten, die begreiflicherweise lieber unter sich verbleiben, sondern für den harmlosen Normalmenschen, soweit er – zum Glück für den deutschen Buchhandel – immer noch bildungsbeflissen ist trotz Kino und Toto, hat ein fleißiger Autor diesem Wunsch des bemühten Laien nachzukommen versucht:

Hartmut Bastian „Weltall und Urwelt“ (Safari Verlag, Berlin. 438 S. mit 163 Tafelbildern und Zeichnungen. 16,80 DM).

Schön ist die Aufgabe, weil sie zu einer ganzen Reihe der ältesten und auch der aktuellsten Probleme führt, die uns so gut etwas angehen wie vor 2300 Jahren den Astronomen Aristarch und Demokrit, den Philosophen; und sie ist schwierig, weil Herr Bastian, der offenbar ein Menschenkenner ist, von seinen Lesern nichts an einschlägigem Wissen voraussetzen will und doch zuweilen von Dingen sprechen und mit Begriffen operieren muß, über die sich zur Zeit die klügsten Köpfe diesseits und jenseits der Ozeane ihre Köpfe zerbrechen. Zwischen dem Zeugnis der mittleren Reife und den Berechnungen Albert Einsteins kann auch ein geschickter und sehr lebendiger Popularisator wie Bastian nicht mühelos den Pfad des geringsten Widerstandes finden.

Wenn man von den wenigen Fällen absieht, bei denen die Methode populärer Darstellung zwangsläufig in Bedrängnis gerät, so wird man gerne zugeben, daß der groß angelegte Versuch gelungen ist. Das Interesse bleibt von Anfang bis zu Ende lebendig und gespannt; mehr noch: die unbekümmerte, bisweilen saloppe Frische der Diktion verwandelt das strenge Lebenswerk vieler Forschergenerationen vor den Augen des Lesers in eine nicht abreißence Kette erregender Abenteuer. So wenn zum Beispiel die mutmaßlichen atmosphärischen und geologischen Besonderheiten auf dem benachbarten Mond mittels eines imaginären Fluges dorthin und eines Rundgangs auf unserem Trabanten in wissenschaftlich einwandfreier Weise – ohne phantasievolle Ausschmückungen – demonstriert werden. Oder wenn die stürmische Entwicklung der Astronomie seit Galilei bis zu den Weltschöpfungserklärungen von Unsöld und Jordan wie ein dramatisches Geschehen vor uns abrollt. Unparteilich referierend dagegen behandelt der Verfasser die Fülle der noch offenen Fragen, bei denen sich die verschiedenen Hypothesen der Beantwortung unversöhnlich gegenüberstehen. Ihr Für und Wider wird dargelegt, doch hütet sich Bastian klugerweise, seine weitschichtige Leserschaft zu der Unmöglichkeit eines eigenen Urteils überreden zu wollen. Der Zweck des Buches ist erreicht, wenn der Leser einen klaren Überblick gewinnt und darüber hinaus vielleicht angeregt wird, der einen oder anderen Frage selbständig weiter nachzugehen.

Im zweiten Teil, der die nicht minder problemreiche und ungeheuer fesselnde Geschichte der Erdperioden, die Entstehung des Lebens auf unserem Planeten und die Entwicklung der Pflanzen- und Tierwelt bis zu den ersten Spuren des Menschen umfaßt, tritt der persönliche Standpunkt Bastians deutlicher, aber keineswegs aufdringlich hervor. Sein Kapitel „Vom Urquell des Lebens“ und ein Satz wie „Das Geheimnis jeder Schöpfung wurzelt im atomistischen Geschehen“ oder „Das Leben mußte nicht entstehen, weil mystische Lebenskräfte oder schöpferisches Wollen den Anstoß dazu gaben, sondern weil blindester Zufall atomare Abläufe in Molekularkonstruktionen verwickelte, aus denen dann die Erscheinungsarten der Materie, die wir Leben nennen, hervorgingen“ – diese allerdings aus dem Zusammenhang gehobenen Worte verdeutlichen in etwa den Weg des rein wissenschaftlichen Denkens in Bastians Ausführungen. Übersichtlich und in allem Wesentlichen übereinstimmend mit den Resultaten eines Weinert und Heberer wird der bedeutsame Komplex der Stufenfolge von den südafrikanischen Schädel- und Kieferfunden der proconsulgruppe bis zu den Menschen der Cro-Magnon- – zeit dargestellt. Wer sich über dieses durch jährlich neue Funde längst noch nicht abgeschlossene Gebiet eingehender, als es bei Bastian möglich ist, orientieren will, sei auf das vorzügliche, vor kurzem erschienene Büchlein Das Erwachen der Menschheit von Herbert Kuhn (in der Fischer-Bücherei) hingewiesen. Wie überhaupt im Interesse jener Leser, die Bastians Anregungen folgen möchten, bedauert werden muß, daß kein Anhang mit Literaturhinweisen vorhanden ist – wohingegen das reiche und vorzüglich reproduzierte Bildmaterial nach den neuesten Aufnahmen der Mount Palomar-Sternwarte eine höchst wertvolle Ergänzung des Textes darstellt.