Ja, zum Kuckuck – wie werden wir leben? Weiden wir überhaupt noch leben, sagen wir in hundert Jahren? Kaum wahrscheinlich, meinen einige moderne Untergangspropheten, deren Namen guten Klang und deren Werte Überzeugungskraft besitzen. Bis dahin sind wir längst verhungert, verdurstet, von radioaktiven Strahlen versengt oder haben uns mittels Überatombomben samt Erdball in den Kosmos gesprengt. Sollten wir aber, trotz allem, immer noch leben, dann in einem Zustand, so erbärmlich, daß unser jetziges Leben dagegen noch erbaulich wäre. So werden wir leben? So werden wir nicht leben, meint Walter Greiling, und stemmt sich mit ganzer Kraft gegen die Flut der Pessimisten:

Walter Greiling „Wie werden wir leben?“ (Ein Buch von den Aufgaben unserer Zeit.) (ECON-Verlag, Düsseldorf, 320 S., 12,80 DM).

Also Greiling rät dazu, mehr Vertrauen in die Zukunft zu haben und weniger Angst vor ihr. Und skizziert uns ein zukünftiges Leben, das das genaue Gegenbild von dem anderen ist, vor dem wir uns fürchten.

Das sind aber nun keine Wunschtraumvisionen, sondern – und das ist Greilings „Trick“ – nichts anderes, als der Versuch, die uns heute bekannten wissenschaftlichen Tatsachen in ihrer mutmaßlichen Fortentwicklung zu ergänzen. Könnten denn nicht neue, umwälzende Entdeckungen dieses schöne Schema über den Haufen werfen? Greiling meint kaum und kommt zu der fast sensationellen Feststellung, daß sich die technisch-wissenschaftliche Revolution ihrem Ende nähert und wir in den kommenden 150 Jahren nicht mit ähnlich umwälzenden Entdeckungen wie in den vergangenen 150 Jahren rechnen können. Woran das liegt? Nicht daran, daß alle technischen Probleme bald gelöst sein werden. Viel einfacher: Unser Gehirn kommt nicht mehr mit, es ist überfordert.

Und würde die knappe Spanne von 1 Million Jahren brauchen, um sich umzustellen. Aber nicht nur die Technik erreicht in den nächsten Jahrzehnten ihren Höhepunkt – auch die Rohstofferzeugung. Um 2000 sind die Erzeugungszahlen nacr abwärts gerichtet. Steil aufwärts gewandt ist hingegen die Bevölkerungszahl der Erde. Sie ist aber der Angelpunkt, da nach ihr sich der Bedarf richtet. Wenn wir eine jährliche Zuwachsrate von 1,3 % annehmen, kommen wir für 2070 zu einer Zahl, die manchem die Sprache verschlagen wird: 9 Milliarden Menschen! Davon werden 5 1/2 Milliarden Asiaten sein und eine Milliarde Neger. 9 Milliarden Menschen – aber nicht viel mehr. Denn wenn in hundert Jahren die Technik ihren höchsten Stand erreicht haben wird, wächst auch die Bevölkerungszahl nicht mehr wesentlich, beide bedingen einander.

Und diese 9 Milliarden – wie werden sie leben? Wenn man Greiling glauben darf: so ziemlich in Saus und Braus und bedeutend besser als die 2,4 Milliarden jetzt. Wie das? Wo doch Rohstoff- und Energievorräte erschöpft sein werden? Hängt das vielleicht von der Nutzbarmachung der Atomenergie zusammen? Aber nein, von der hält Greiling wenig. Er glaubt, daß die radioaktiven Elemente für uns zu gefährlich sind und daß Strahlungsmediziner und -biologen die Atomkraftnutzung untersagen werden.

Er glaubt vielmehr, daß sich das Energieproblem durch Sonnenenergie wird lösen lassen. Und daß wir uns keine Sorgen mehr um Rohstoff- und Energienot zu machen brauchen, wenn es gelingt, Menschen in den Weltraum zu befördern, von wo sie uns dann durch Strahlenlenkung mit Energie versorgen. Von diesen Träumen ist noch kurz die Rede.