London, im Juli

Im Welttennis ist es nun schon seit einigen Jahren so, daß eigentlich nur noch die Amerikaner und die Australier zählen. Den Connolly, Brough, Hart Dupont, Rosewall, Trabert, Seixas, Hoad und wie sie alle heißen, hat Europa seit dem Ausscheiden von Gottfried von Gramm und Borotra keine ebenbürtigen Spieler entgegenzustellen. Mit der einen Ausnahme. Und diese Ausnahme wurde am Wochenende im Londoner Tennisstadion von Wimbledon mit einem Enthusiasmus gefeiert, den man erlebt haben muß, um es zu glauben: Jaroslav Drobny, 33 Jahre alt, schlug den 19jährigen Australier Ken Rosewall im Endspiel um die inoffizielle Amateurweltmeisterschaft im Herreneinzel mit 3:1. Nur zweimal ist es in den letzten 40 Jahren vorgekommen, daß der Sieger älter als 30 Jahre war.

Eine bittere Ironie will es freilich, daß dieser eine Europäer, dem es gelungen ist, in die australamerikanische Tennisphalanx einzubrechen, den strengen Buchstaben der Paßbehörden nach gar kein Europäer mehr ist, sondern Ägypter.

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München, im Juli

Der neunundzwanzigjährige Münchener Wolfgang Unzicker, der das Europa-Schachturnier in München gewann – einen der drei Ausscheidungskämpfe zum Endspiel um die Schachweltmeisterschaft –, ist von Bundespräsident Heuss mit dem „Silbernen Lorbeer“ ausgezeichnet worden. Der deutsche Schachmeister spielte sein letztes Spiel im Europa-Zonenturnier um die Ausscheidung zur Weltmeisterschaft am Vorabend seines Geburtstages. Es erfüllte manchen seiner Freunde mit Sorge, denn daß man Geburtstagspartien leicht verliert, gehört seit Capablancas berühmter Niederlage zum Aberglauben des Metiers. In der Tat, es wurde ein schweres Spiel mit dem Neuseeländer G. R. Wade.

Daß er auch schwere Stellungen mit Geduld und Sicherheit zu seinem Vorteil zu wenden weiß, zeigte Unzicker erneut als Spieler von internationalem Rang. Er scheut kühne Kombinationen nicht, wenn sie ihm nötig erscheinen, aber im Grunde liebt er den klaren Stil. Er verlor nicht ein einziges Spiel – 15 Punkte bei 19 Partien, 11 gewonnene und acht unentschiedene, ist außergewöhnlich hoch. Fragt man Unzicker, der von Beruf Jurist ist, nach seiner schwierigsten Partie, so nennt er gleich eine ganze Reihe: gegen den Jugoslawen Vasja Pirc, den Spanier Roman Toran, den Österreicher Josef Lokvenc, die remis endeten, und die gewonnenen gegen den Jugoslawen Andrija Fuderer und den Schotten Dr. J. M. Aitken. Besonders stark unter den zwölf Nationen waren die Jugoslawen beim Treffen in München.