I. Der schwarze Tag X der Wasserwirtschaft – Verbrauch seit dem Jahre 1800 um das Achtzigfache gestiegen

Von K. C. Kowalewski

Überall in der Welt bereitet die Wasserversorgung Befürchtungen: die Grundwasserspiegel sinken; Quellen versiegen; Flüsse werden zu Kloaken; die Beseitigung der Abwässer aus dem Bereich menschlicher Siedlungen wird immer schwieriger; das Trinkwasser schmeckt muffig oder nach Chlor, und in vielen Gegenden ist es eine Mangelware geworden. An die ständige, sofortige und bequeme Verfügbarkeit des Wassers mittels des Wasserhahns haben wir uns als an etwas Selbstverständliches gewohnt. Aber so selbstverständlich ist das leider nicht. Der Tag kann kommen, an dem Hunderttausende von Menschen in Deutschland vergeblich an ihrem Wasserhahn drehen. Der folgende Bericht untersucht die Ursachen der Wassernot und die Möglichkeiten, sie zu bannen.

Schon mehrmals in den vergangenen Jahren standen wir am Rande einer Wasserkatastrophe. In der großen Dürre von 1947 wären die Industriewerke an der Ruhr wegen Wassermangels fast zum Erliegen gekommen. Auch in dem trockenen Sommer 1949 sind wir nur um Haaresbreite davongekommen, soweit wir das Glück, hatten, einen Wasserhahn in unserer städtischen Wohnung zu besitzen. Auf dem flachen Land dagegen sah es stellenweise sehr böse aus. Brunnen, die seit Menschengedenken nicht versiegt waren, waren trocken. Gemeindebrunnen, in denen noch etwas Wasser matt schimmerte, mußten plombiert werden, um eine gerechte Verteilung des Wassers für Mensch und Tier zu gewährleisten. In manchen Gegenden mußte das Wasser kilometerweit durch Eisenbahn, Auto oder Fuhrwerk herantransportiert werden. Ein Kubikmeter Wasser kostete zuweilen 20 DM.

Nicht nur in Deutschland. Kaum jemand denkt heute noch daran – obwohl es erst fünf Jahre her ist –, daß damals selbst eine so hochzivilisierte Stadt wie New York dem Verdursten nahe war. Die riesigen, Millionen Kubikmeter fassenden Wasserreservoire der Riesenstadt waren nur noch Tümpel. In jenen bangen Tagen versuchte man, durch "Wolkenimpfung" künstlich Regen zu erzeugen. Aber die Versuche des Wassermachens, indem man Silberjodid oder ähnliche Substanzen auf große Wolken streut und damit den Niederschlag verursacht, sind noch verfrüht. Das Wassermachen gelingt nur selten. Man versucht der Natur nachzumachen, was man im letzten noch keineswegs geklärt hat. Eine befriedigende Theorie der Niederschlagsbildung steht noch aus.

Überall, wo große Menschen- und Industrieansammlungen sind, bildet die Wasserversorgung ein Hauptproblem. Der Ausbau der Wasserversorgung hat nämlich nicht annähernd Schritt gehalten mit dem Anwachsen der Städte und dem ständig steigenden Bedarf der Industrie. Das Ruhrgebiet, das ja praktisch eine einzige Stadt ist, bildet ein beredtes Beispiel dafür. Neben der Ruhr als Wasserquelle gibt es dort noch 14 Talsperren mit einem Fassungsvermögen von 296 Millionen Kubikmeter. Sie reichen aber bei weitem nicht mehr aus. Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird der Bau von zusätzlichen 180 bis 200 Millionen Kubikmeter Stauraum für notwendig erachtet.

Ebenso ernst wie die Trink- und Brauchwassernot ist die Abwassernot. So ergab eine Abwasserfragebogen-Aktion 1953, daß nur 44 von Hundert der Bevölkerung des Bundesgebiets an die Kanalisation und 23 von Hundert an Kläranlagen angeschlossen sind. Wollte man alle Einwohner der Bundesrepublik an die Kanalisation anschließen, so wären etwa 20 000 Kilometer zusätzliche Rohrleitungen erforderlich. Die Gelder, die hierfür aufgebracht werden müßten, gehen in die Milliarden.