So also sieht es in den deutschen Flüssen aus. Die Lage ist um so ernster, als die Wasserwerke immer mehr gezwungen sind, Flußwasser in die Leitungen zu pumpen, da das Grundwasser allein nicht mehr ausreicht. Mit großer Sorge verfolgen die Experten das ständige Sinken der Grundwasserspiegel. "Der Schwund, wenn er nicht angehalten wird, wird die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft schlechthin abwürgen", warnte ein Fachmann der Wasserwirtschaft. 13 000 Pumpwerke in der Bundesrepublik entnehmen der Erde täglich Millionen von Kubikmetern Wasser. Innerhalb der letzten 50 Jahre ist mehr Grundwasser verbraucht worden als in allen Jahrhunderten zuvor. Früher nahm man an, daß das Grundwasser unerschöpflich sei. Man war froh, nicht mehr ausschließlich auf das Flußwasser angewiesen zu sein, und pumpte munter drauf los. Heute wissen wir, daß die Grundwasservorräte nicht unerschöpflich sind. Wir können natürlich nicht auf den Kubikmeter errechnen, wie groß die tatsächlichen Reserven sind. Eines wissen wir jedoch: die örtliche Verfügbarkeit von Grundwasser hängt von der Niederschlagsmenge Je weniger es regnet, desto sorgfältiger sollten wir daher mit dem Grundwasser haushalten. Man schätzt, daß im Jahresdurchschnitt der Niederschlag in der Bundesrepublik etwa 180 Milliarden Kubikmeter beträgt. Davon fließen 65 Milliarden oberflächlich ab. 40 Milliarden Kubikmeter werden von den Pflanzen verbraucht. Was geschieht mit den restlichen 75 Milliarden? Diese Frage ist wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt. Dr. Drobek, der technische Direktor der Hamburger Wasserwerke, schätzt, daß "im Höchstfall" etwa 30 Milliarden Kubikmeter versickern, in trockenen und warmen Jahren dagegen nur 16 Milliarden Kubikmeter.

Scheinbar müßte diese Menge reichen, denn der gesamte Wasserbedarf der Bundesrepublik beträgt jährlich "nur" sechs Milliarden Kubikmeter. Diese Rechnung geht jedoch nicht auf. Ein großer Teil dieser Mengen versickert zum Beispiel in unbesiedelten Gegenden, steht also dem Bedarf nicht unmittelbar zur Verfügung. Was immer man auch errechnen mag, Tatsache ist, daß das Grundwasser überall knapp wird. Allein Nordrhein-Westfalen hat ein jährliches Wasserdefizit von 1,3 Milliarden Kubikmetern, daß heißt 1,3 Milliarden Kubikmeter Niederschlag versickern zu wenig. Noch kann das Defizit aus der Grundwasserreserve gedeckt werden. "Aber der Zeitpunkt ist abzusehen, wo das nicht mehr möglich ist, weil die Reserve erschöpft ist. Das ist der schwarze Tag X, vor dem sämtliche Wasserwirtschaftler bangen."

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In den letzten 150 Jahren ist der Wasserverbrauch um das Achtzigfache gestiegen. Die Welt vor 150 Jahren, in der es noch keine Hochöfen, keine Lokomotiven und keine Dreizimmerwohnung mit Bad gab, brauchte sehr wenig Wasser. Die Hygiene spielte kaum eine Rolle. Noch im 19. Jahrhundert war es so etwas wie eine Sensation, wenn der alte Kaiser Wilhelm I. sich aus dem Hotel Adlon die Badewanne ins Schloß bringen ließ. Ganz Berlin wußte dann, daß Seine Majestät badet. Hauptverbraucher sind heute die Industrie und die Landwirtschaft. Zur Erzeugung einer Tonne synthetischen Benzins werden 60 bis 90 Tonnen Wasser und zur Erzeugung von einer Tonne Viskokunstseide werden sogar 750 Tonnen Wasser benötigt. Das entspricht etwa dem Tagesbedarf einer Ortschaft von 5000 Einwohnern. Wie sich der zunehmende Wasserverbrauch auf den Grundwasserspiegel auswirken kann, zeigen sehr drastisch die Verhältnisse im Santa Clara Tal in Kalifornien. 1910 lebten dort 60 000 Menschen, heute über 290 000. In der gleichen Zeit sank der Grundwasserspiegel von 6 auf 36,5 m Tiefe. Der zunehmende Wasserverbrauch ist jedoch nur eine der Ursachen der Grundwasserkrise. Eine andere Ursache ist, daß der Wasserhaushalt durch zivilisatorische Eingriffe im Laufe des vergangenen Jahrhunderts aus dem Gleichgewicht gebracht worden ist. Die Abholzung der Wälder war einer der folgenschwersten Eingriffe. Der Wald zieht den Regen an, hemmt die Winde und hält den Boden feucht. Langsam läßt er die Niederschläge in den Boden versickern und trägt so zur Grundwasserbildung bei. Diese Erkenntnis war früher nicht so selbstverständlich wie heute. Der Wald war im 19. Jahrhundert vornehmlich ein Holzlieferant. An seine wichtige Rolle im natürlichen Wasserhaushalt dachte man nicht. Die USA sind das klassische Beispiel für die verheerenden Folgen des Raubbaues im Walde. Binnen 150 Jahren büßten sie mehr als die Hälfte des Waldbestandes ein, und mit dem Wald verschwand das Grundwasser. Der Boden trocknete aus, und die Acker flogen buchstäblich in die Luft. Riesige Beträge müssen aufgewendet werden, um durch planmäßige Aufforstung der Versteppung Einhalt zu gebieten.

Umfangreiche Untersuchungen werden in den USA über die Wechselbeziehungen zwischen Wald, Boden und Grundwasser durchgeführt. Dabei ist man zu dem Ergebnis gekommen, daß der Wald unter bestimmten Voraussetzungen mehr Niederschlag verbraucht als für die Grundwasserbildung gut ist. In einem Versuchswald im westlichen Nord-Carolina wurden die Wassermengen eines Einzugsgebiets mehrere Jahre im bewaldeten Zustand gemessen. Dann holzte man den Laubwaldbestand ab. Die Wassermengen nahmen daraufhin erheblich zu. Es kommt also besonders in grundwasserarmen Gebieten darauf an, nur solche Baumarten anzupflanzen, die ein Minimum an Wasser für das eigene Wachstum verbrauchen und ein Maximum dem Boden überlassen.

Ein weiterer empfindlicher Eingriff in den Grundwasserhaushaltwaren die Flußregulierungen. Je langsamer ein Fluß fließt, je mehr Krümmungen er hat, desto mehr Zeit hat das Wasser, seitlich in die Landschaft zu versickern. Diese heute so selbstverständliche Erkenntnis war den Experten des 19. Jahrhunderts nicht bekannt. Sie wußten noch nicht, daß Fluß und Landschaft eine organische "Lebensgemeinschaft" sind. Unbekümmert machten sie krumme Flußläufe gerade. Die Begradigung aber beschleunigt den Lauf des Wassers und läßt dem Wasser keine Zeit, als Grundwasser zu versickern. Durch die Beschleunigung wird ebenfalls die Sohle in verstärktem Maße ausgeschürft. Seit 1890 sinkt der Rheinspiegel jährlich um vier Kubikmeter. Die Schürfung der Sohle schneidet die benachbarten Schichten des Grundwassers an, das in den Fluß abfließt. Landwirtschaftlich gesehen, hatten die Rheinkorrekturen zur Folge, daß 100 000 Hektar des einst fruchtbaren Gebietes am Oberrhein bereits jetzt alle Merkmale der Steppe tragen. Die Erträge sind um Dreiviertel zurückgegangen.

Steppe am Oberrhein