Von Hermann Eiselen

San Juan, im Juli

Puerto Rico – außer einigen Exportkaufleuten, Geographen und Lehrern wüßten vielleicht wenige etwas von dieser Insel, wenn ihre Menschen nicht in jüngster Vergangenheit zweimal versucht hätten, in die Weltgeschichte einzugreifen? Zwei Attentate in knapp zwei Jahren, eines auf den damaligen Präsidenten der USA, Harry S. Truman, und eines im amerikanischen Kongreß. Beide scheiterten, und soeben wurden die drei Puertorikaner, die am 1. März von der Galerie des Repräsentantenhauses auf die Abgeordneten geschossen und fünf von ihnen verwundet Ratten, zu höchstmöglichen Strafen von 25 bis 75 Jahren Gefängnis verurteilt. Aber was ist der Hintergrund solch fanatischer Ausbrüche?

Seit 1898 ist Puerto Rico, die östlichste der großen Inseln im Golf von Mexiko, Territorium der USA, jedoch keiner der vereinigten Staaten. Immerhin sind die Bewohner seit fast 20 Jahren US-Staatsangehörige und können in die USA ohne Beschränkung einwandern. Seit Kriegsende fließt daher ein starker Einwandererstrom von Puerto Rico besonders nach New York, wo heute etwa eine Viertelmillion Puertorikaner leben. Die Insel selbst zählt auf 8896 Quadratkilometer etwa 2,2 Millionen Menschen und ist damit übervölkert, zumal das Land nur teilweise landwirtschaftlich nutzbar ist und die industrielle Entwicklung sich noch im Anfangsstadium befindet. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, das Durchschnittseinkommen pro Familie erschreckend gering. Die Wohnverhältnisse sind weithin unvorstellbar schlecht, ganz besonders in den Bergen im Landesinnern, wo es normal ist, daß zwölf Menschen in einer Bretterbude von 20 Quadratmeter hausen. Der Notstand brauchte nicht so groß zu sein, wenn nicht Arbeitsunwilligkeit und phantastische Bevölkerungszunahme, zehn bis fünfzehn Kinder sind die Regel, Hand in Hand gingen.

Fahrt man durch das Land, so fragt man sich, ob denn diese Zustände zwangsläufig sind. Denn es ist ein Paradies, das die Natur mit überschwenglichem Reichtum gesegnet hat. Ein Küstengürtel von etwa 20 bis 40 Kilometer Breite legt sich um die Insel herum, der mit wertvollem Zuckerrohr dicht bestanden ist, wo Kokospalmenwälder im milden Seewind rauschen, wo sich Orangen- und Zitronenhaine an die Berghänge anschmiegen und wo jeder Weg von Ananaspflanzen eingesäumt ist. Und wachsen in den Bergen nicht Bananen und Kaffee in reicher Fülle? Dank des Golfstromes, der ganz in der Nähe der Insel seinen Ursprung hat, herrscht das ganze Jahr über dasselbe milde Klima. Für 50 Jahre wurde ein Durchschnitt von 360 Sonnenscheintagen pro Jahr ermittelt. Nachts fällt häufig varmer, Fruchtbarkeit spendender Regen. Das Meer ist voll von Fischen und anderen eßbaren Seetieren. Und trotz diesem Reichtum leben die meisten Menschen in großer Armut. Aber die kleinen dreckigen Bars, aus denen Tag und Nacht südlich-temperamentvolle Musik herausdröhnt, sind überfüllt mit herumlungernden Leuten.

Unterstützt von den USA hat die puertorikanische Regierung vor wenigen Jahren ein großes Programm ins Werk gesetzt, dessen Maßnahmen jedoch erst im Anlaufen sind. Zunächst wurde ein Plan für die industrielle Entwicklung des Landes ausgearbeitet, der neu sich ansiedelnden Betrieben beachtliche Vergünstigungen verspricht. Außerdem führt der Staat Puerto Rico ein großzügiges Wohnungsbauprogramm durch.

Beim Anblick der sozialen Zustände ist man geneigt, kommunistische Kräfte, klassenkämpferische Ideen zu vermuten. Puertorikaner mit Urteilsvermögen aber erklären, es handle sich um einen Kreis von nicht mehr als 500 Revolutionären, die fanatisch für die Unabhängigkeit Puerto Ricos kämpfen. Von der überwältigenden Mehrheit des Volkes werden sie nicht unterstützt. Sie sei sich klar darüber, daß sie sich eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen vorläufig nur von einer engen Zusammenarbeit mit den USA erhoffen könne; auch eine Auswanderung in die USA sei ja nur so lange möglich, als gutes Einvernehmen mit dem Mutterland bestehe. Und gerade die Auswanderung ist vorläufig noch auf längere Zeit ein sehr wichtiger Faktor für Puerto Rico.