Berlin

gg. Westsektor Berlin

An der einzigen amtlichen Fahrkartenverkaufsstelle der sowjetisch kontrollierten „Reichsbahn“ in den Westsektoren, die sich im Bahnhof Zoo befindet, stehen von morgens bis abends vor dem Auslandsschalter verdächtig lange Schlangen. Dort stapeln sich die Westmarknoten zu ansehnlichen Bergen. Denn tatsächlich erhielt jeder „Westler“ gegen Vorlage seines Personalausweises Fahrkarten zu jedem beliebigen Auslandsziel etwa um die Hälfte billiger als in den Reisebüros.

Also ein neuer Trick der Kommunisten jenseits der Sektorengrenze? Ja und nein. Den Anlaß zu diesem seltsamen Run auf „rote“ Fahrkarten hatte eigentlich schon im September 1949 das Westberliner Landesfinanzamt gegeben. Es verlangte damals mit vollem Recht die Begleichung alter Schulden, die auf Westberliner Gelände entstanden waren, von den „Reichsbahn“-Behörden in Westgeld. Die aber stellten sich taub, obwohl sie schon damals alle Fahrkarten für die S-Bahn auf den Westberliner Bahnhöfen nur gegen Westgeld verkauften. Da verfiel die Steuerbehörde kurzerhand auf den Ausweg, die Einnahmen der Westberliner Reisebüros aus dem damals „legalen“ Verkauf der Auslandsfahrkarten für Rechnung der östlichen Bahnverwaltung zu beschlagnahmen. Den Schaden hatten allein die Reisebüros, denn die „Reichsbahn“ begnügte sich für die Zukunft mit ihrer einzigen westlichen Verkaufsstelle auf ihrem eigenen Gelände im Bahnhof Zoo, das auf Grund von Viermächteabkommen vor jedem westlichen Zugriff sicher ist. Die Reisebüros aber stellten, um ähnlichen Überraschungen vorzubeugen, den Verkauf dieser Karten unter Protest ein. Später vermittelten sie im Auftrage der DER-Büros den Verkauf von Auslandsfahrkarten zu den Sätzen der Bundesbahn.

Seitdem geschah jahrelang nichts Ungewöhnliches. Bis es Ende vorigen Jahres den Pankower Machthabern auf einen Wink aus Moskau hin gefiel, ihre Ostmark durch einen fiktiven Goldgehalt im internationalen Ansehen „aufzuwerten“. Gleichzeitig erfanden sie Devisen-Umrechnungssätze, die jeden Finanzmann zum Lachen brachten: so wurde eine Schwedenkrone mit 43 Ostpfennigen, ein Schweizer Franken mit 52 Ostpfennigen und ein USA-Dollar mit nur 2,22 Ostmark bewertet. Die westdeutsche „Spalterwährung“ ließen sie ohnehin schon seit Jahren mir im Verhältnis 1:1 gelten. Da im internationalen Verkehr auf Dollarbasis verrechnet wird, ergab sich seit Jahresbeginn das Kuriosum, daß etwa eine auf dem Bahnhof Zoo erstandene und von den europäischen Eisenbahngesellschaften anerkannte Fahrkarte nach Rom fast um die Hälfte billiger war als die in Bamberg gekaufte, wo der Dollar bekanntlich 4,20 DM kostet.

Einige findige Westberliner hatten diesen Vorteil bald herausgefunden. Sie hüteten sich aber, ihr „Geschäft“ publik werden zu lassen. Bis dieser Tage ein ebenso findiger Reporter einer Westberliner Abendzeitung den „Skandal“ aufdeckte. Die Morgenpresse sekundierte, und so kannte am nächsten Tag jeder Interessent auch die feinsten Schliche. Die Reporter hatten entgegen ihrer Absicht die Kassen der „Reichsbahn“ füllen geholfen.

Inzwischen haben Verhandlungen zwischen den Reisebüros und den beiden deutschen Eisenbahnverwaltungen zu dem Ergebnis geführt, daß auch die Westberliner Reisebüros vom 15. Juli an wieder die „verbilligten“ Fahrkarten für Auslandsreisende verkaufen dürfen. Sogar Bewohner der Bundesrepublik können offenbar, solange es nicht verboten wird, auch solche „billigen“ Karten in Westberlin kaufen, bei langen Reisen dürfte der Umweg über Berlin einträglich sein.