m. z. Oetigheim

Zum erstenmal schaut dieses Jahr der alte Prälat Josef Saier bei „seinem“ Oetigheimer Schauspiel nur zu. Er hat im vergangenen Jahr die Gesamtleitung des Freilichttheaters seinem Amtsbruder Pfarrer Hähner übergeben. Vor einem halben Jahrhundert hatte er sich als junger Pfarrer überlegt, wie er seine kleine Gemeinde auch nach dem Sonntagsgottesdienst feiertäglich beschäftigen könne. Und da war er auf den Gedanken gekommen, mit seinen Pfarrkindern Theater zu spielen. Heute heißt das badische Dörfchen Oetigheim an der Strecke Karlsruhe-Freiburg im Volksmund das Theaterdorf und zieht alljährlich Hunderttausende von Gästen aus dem Bundesgebiet und dem Ausland an.

Jedes Jahr lebt das Dorf in einem anderen Jahrhundert. Dieses Jahr ist es mit den „Nibelungen“ die Hunnenzeit. In der Woche sind die Oetigheimer Hausfrauen Sekretärinnen, Mägde – und Bauern, Handwerker und Schulmeister wie alle anderen Dorfbewohner der Welt. Nach dem Sonntagsmittagessen aber verwandeln sie sich in Fürsten und Könige, Hunnen und Nibelungenscharen. Auch die Tiere des Dorfes spielen mit. Die Ackerpferde preschen als hunnische Steppengäule über die Freilichtbühne, und die Enten schnattern auf dem „Rhein“, in dem der Studienrat des Ortes, alias Hagen, den Nibelungenschatz versenkt. Der künstlerische Ehrgeiz der Oetigheimer verlangt Berufsschauspieler für die Hauptrollen, falls sich nicht eine überzeugende Besetzung aus den eigenen Reihen findet. Damit kein Gemeindemitglied abseits stehe – das käme einer Degradierung gleich, denn das Ansehen im Dorf richtet sich nicht nach der bürgerlichen, sondern nach der Theaterrolle –, sind alle Rollen doppelt besetzt. Man spürt es am Spiel und an den geringen Eintrittspreisen, daß das Theaterdorf aus Freude an der Sache mitmacht. Reicher ist der Ort nicht geworden, obwohl er heute einen Dom zu Worms und einen Hunnenpalast besitzt.