h. s. z. Leipzig

Für eine knappe Woche war das Gesicht Leipzigs gewandelt. Es war von einer täuschenden Maske umgeben. Das Erlebnis der Zusammenkunft evangelischer Christen zum ersten Male nach Kriegsende in der Sowjetzonenrepublik, die Anwesenheit kirchlicher Würdenträger und das erste – Aufsehen erregende – Händeschütteln zwischen Politikern des kommunistischen Mitteldeutschlands und der Bundesrepublik (sie traten in Leipzig nicht als Politiker, sondern als „private Besucher“ des Kirchentages auf), dies alles mußte einen anderen Eindruck auf die Besucher machen, als der inzwischen wieder angelaufene monotone Leipziger Alltag... Aber der Wunsch, Leipzig unabhängig von kirchlichen oder politischen Veranstaltungen aufzusuchen, dieser Wunsch wird für viele Illusion bleiben. Die Zurückhaltung der SED-Stadtfunktionäre, die zuvorkommende Höflichkeit der Leipziger Stadtverwaltung bei der Ausgabe kurzfristiger Aufenthaltsgenehmigungen, das Lächeln des Herrn Oberbürgermeisters Uhlich, das vorgetäuschte Wohlwollen ist wieder geschwunden.

Schutthalden und ausgebrannte Ruinen sind aus dem Stadtbild verschwunden; sie wichen in der Innenstadt kahlen, mit rotem Ziegelsplit bestreuten Flächen und Partei- und Aktivistenwohnbauten im Moskauer Stil. Die während des Krieges total zerstörte Westhalle des imposanten Leipziger Hauptbahnhofs ist wiederaufgebaut, aus der Haupthalle tönt der Lautsprecher: „Hier spricht der Bahnhof des Friedens, Leipzig.“

Das „Funktionärsmobil“, der sowjetzonale BMW-Wagen aus Eisenach, beherrscht das Straßenbild. Der Unzahl von Volkspolizisten in grünen Regenmänteln, mit Holzknüppeln und Pistolen ausgerüstet, wird nur von westlichen Besuchern Aufmerksamkeit geschenkt. Sie stehen überall.

Der Versuch, einen Blick in die Leipziger Fabriken zu werfen, mißlang. Die gepriesenen Brigadenleistungen des VEB Damenbekleidungswerkes durften nicht betrachtet werden. Durch geschlossene Gitter der VEB S.-M.-Kirow-Werke (ehemals Unruh & Liebig) war die vormilitärische Ausbildung der SED-Kampfgruppe dieses Rüstungsbetriebes wahrzunehmen. Der Marschtritt klang in den Ohren, während aus der Innenstadt die Glocken des Kirchentages läuteten.

Den einzigen Kontakt zwischen Westberlin und Leipzig bildet das Nilpferd Knautschke. Alljährlich reisen die Leipziger Nilpferd-Bräute „Olga“ und „Grete“ nach Westberlin und verbringen dort im Zoo ihre Flitterwochen. Bemerkenswert war das Stellenangebot in der SED-Leipziger Volkszeitung: „Der Zoologische Garten sucht, eine Sachbearbeiterin für Personal und allgemeine Verwaltung, eine Sachbearbeiterin für Futtermittel und Materialeinkauf, eine Saisonkraft für den Tierkindergarten, zwei Tierwärter – Fortschrittliche Kräfte melden sich mit den erforderlichen Unterlagen in der Verwaltung des Zoologischen Gartens, Leipzig C 1.“ Fortschrittliche Kräfte im Zoo... Noch zwei andere amtliche Bekanntmachungen waren aufschlußreich: „Infolge zu starker Inanspruchnahme muß die Behandlungstätigkeit in der Chirurgischen Poliklinik der Karl-Marx-Universität eingeschränkt werden“ und „An alle Gasverbraucher! Im Versorgungsgebiet Leipzig ist mit weiterer Herabsetzung des Gasdrucks und zeitbegrenzter Sperrung der Gaszufuhr zu rechnen. Die Benutzung von Gasheizungen ist sofort einzustellen. In Anbetracht der angespannten Gaslage wird davor gewarnt, Kraftfahrzeuge ab Eintreten der Dunkelheit unter Gasleuchten abzustellen – VEB Gasversorgung Leipzig.“

Die Leipziger Oper ist verschwunden. Das „FDJ-Theater der Jungen Welt“ residiert im Weißen Saal des Leipziger Zoos mit antiwestlichen Theaterstücken, die aus der Sowjetunion und den Ostblockstaaten stammen. Aber Leipzigs Bewohner sind zum großen Teil die alten geblieben. Sachsens Hauptstadt lebt noch, der Kirchentag hat sie wieder in den Blickpunkt gehoben.