Von Elisabeth Verden

Vom Stecknadelsammler zum Milliardär – ist das Wirklichkeit oder ist das ein „Mythos des 20. Jahrhunderts“? Die Biographien der Rockefeller, Morgan, Carnegie haben schon deshalb etwas Legendäres, weil ihre Helden selbst ihre Vorgeschichte in mystisches Dunkel zu hüllen liebten. Der Romancier weicht also gar nicht von der Realität ab, wenn er den Schleier um die Existenz eines kometenhaft Aufgestiegenen zum Dunstkreis werden läßt, in dem sich sein Erzählen umhertastet. Je sicherer das erkannt ist, desto mehr wird die Enthüllungstechnik an Stelle des direkten Berichts treten, je vorsichtiger der Erzähler die einzelnen Hüllen wie Zwiebelschalen abstreift, desto deutlicher wird er den bitteren Kern bloßlegen können. Darum ist wohl

F. Scott Fitzgeralds „Großer Gatsby“ (übertragen von Walter Schürenberg, Lothar Blanvalet Verlag, Berlin, 269 S., Leinen 12,80 DM)

das unübertreffbare Porträt eines Typs, der den exakten Biographen immer wieder entgleitet, und schon heute, nach kaum zwanzig Jahren, ein unbestritten klassischer Roman; der einer nun schon abgeschlossenen Epoche, der Epoche vor der Managerzeit, das Siegel aufdrückt. Fitzgerald erzählt aus dem Blickfeld eines jungen Mannes, der sich seiner Mittelmäßigkeit durchaus bewußt ist und mit leisem Bedauern von sich sagt: „Ich bin einer der wenigen anständigen Menschen, die mir im Leben begegnet sind“. Dieser junge Mann, vom Mittelwesten nach New York verschlagen, wird durch den Zufall der Nachbarschaft auf Gatsby aufmerksam und entzündet sich an dessen rätselhafter Erscheinung so lebhaft, daß ihm, wie bei einer chemischen Reaktion, die Elemente des Phänomens Stück um Stück in die Hand gespielt werden. Bis er erkennt, daß Gatsby, der vermeintliche Erzrealist und Praktiker des big business weder das Geld noch die Macht ernst nimmt.

In seiner vagabundierenden Jugend am Oberen See haben ihm „die Träume seiner Einbildungskraft seine Ahnung von der Irrealität der Wirklichkeit bestätigt und waren ein Versprechen, daß diese scheinbar so felsenfest gegründete Welt sicher auf einem Elfenflügel dahinschwebt“. Womit er sich sein Riesenvermögen verdient hat, kann auch der junge Beobachter nicht ermitteln. Sicher ist nur, daß Gatsby alles Geld und alle Macht benutzt, um Fassaden um sich zu bauen und damit die geliebte Frau zu sich in ein Traumreich zu locken, in dem er, „eine Ausgeburt der platonischen Idee seiner selbst“, der Herrscher ist. Er erreicht es auch, daß Daisy, die Geliebte seiner Jugend, ihn nun ein zweites Mal liebt, aber für den gebieterischen Wunsch, der einzige in ihrem Leben gewesen zu sein, ist es zu spät, und er muß erkennen, daß er „allzulange einzig und allein seinem Traum gelebt hat“. Der gewaltsame Tod, der ihn ereilt, ist zwar, ursächlich gesehen, ein Mißverständnis, aber die Energie seines Lebens war erschöpft, seine Verlassenheit offenkundig geworden. Und als der junge Icherzähler sich zum Begräbnis einfindet, kommen außer ihm nur Gatsbys alter Vater und ein spleeniger Gast der gloriosen Cocktail-Parties.

Fitzgerald ist in den zwanziger Jahren ein gefeierter Autor gewesen. Nach dem Ende der Prosperity-Periode, deren ironischer Deuter er war, kamen die Realisten „ans Ruder“. Die Milliardäre wurden uninteressant, und Fitzgerald wurde der Morbidität seiner Bücher wegen zu den Akten gelegt. In Budd Schulbergs, des Realisten, Roman „Der Entzauberte“ sind Fitzgeralds letzte Jahre und sein elendes Ende in Hollywood so geschildert, daß man erkennt: Gatsby war ein grandios übersteigertes Selbstporträt des Dichters, der sich nie damit abfinden wollte, daß seine Jungenträume vor der Wirklichkeit nicht standhielten. Heute erst entdeckt man wieder, daß seine indirekte Methode, das Anleuchten der Hauptfigur aus den verschiedensten Blickwinkeln, mindestens so „modern“ ist wie der Realismus. Es gibt in Amerika eine Fitzgerald-Renaissance, und ihr verdanken wir die ersten deutschen Übersetzungen dieses vor zwölf Jahren gestorbenen Klassikers.

Das Verlangen nach Selbstbehauptung als Antrieb zum wirtschaftlichen Aufstieg – das war auch das Motiv jenes Fleischkonservenfabrikanten Adolph Conrad, dessen Buddenbrook-ähnliche Familiengeschichte Ira Morris in dem Roman Chicago – Story erzählt (jetzt deutsch von Dietrich Niebuhr unter dem Titel