Tschiang-Kai-scheck hat kürzlich in einem Interview über Tschu En-lai gesagt: „Er ist der mächtige, der gefährlicherer kluge Kopf.“ Dieses Urteil stützt sich auf persönliche Erfahrungen in einem wechselvollen Kampf, der im Jahre 1924 auf der Militärakademie in Whampoa bei Kanton begann und 1946 in Nanking mit dem endgültigen Zusammenbruch der Vermittlungsaktion des amerikanischen Generals Marshall zwischen Kuomintang und und den Kommunisten endete. Kanton war Mitte der zwanziger Jahre das Zentrum der nationalen Revolution Sun Yat-sens, auf die Stalin damals große Hoffnungen setzte, zumal die chinesischen Kommunisten der Kuomintang korporativ eingeschlossen waren. Stalins Interesse an den chinesischen Revolutionären ging so weit, daß er ihnen in Borodin einen politischen und in General Galen, der sich später Blücher nannte, einen militärischen Berater zur Verfügung stellte. Im Stabe Galens war der 26jährige Tschu En-lai tätig, während Borodin einen jungen Annamiten Nguyen Ai-quoc als Sekretär und Dolmetscher beschäftigte, der heute unter dem Namen Ho Chi-minh bekannt ist.

Der Oberbefehl über die Streitkräfte Sun Yatsens lag von Anfang an in den Händen Tschiang Kai-schecks, der sich gleichzeitig die Leitung der Militärakademie in Whampoa vorbehalten hatte. Als in der Akademie eine Abteilung für die politische Schulung der jungen Offiziere eingerichtet wurde, betraute Sun Yat-sen den hochbegabten und gewandten Tschu En-lai mit der Leitung, der nicht nur das aristokratische Mandarin-Chinesisch beherrschte, sondern auch japanisch, französisch, deutsch, englisch und russisch sprechen und schreiben konnte.

Großvater Tschu, der unter der Mandschu-Dynastie ein hoher Staatsbeamter gewesen war, und Vater Tschu, der nach dem Sturz desletzten Regenten dieses Herrscherhauses seinen Lebensunterhalt als Lehrer verdiente, erkannten und förderten die Talente ihres Enkels und Sohnes. Auf einer von amerikanischen Missionaren in Tientsin geleiteten höheren Lehranstalt erhielt der junge Tschu dann eine westliche Erziehung, nachderen Beendigung er mehrere Semester auf japanischen Universitäten studierte, wo fast alle Führer der Kuomintang und des chinesischen Kommunismus sich das geistige Rüstzeug für ihre revolutionäre Tätigkeit zulegten.

Nach Tientsin zurückgekehrt, tritt Tschu einer studentischen revolutionären Gruppe bei und wird Chefredakteur der von ihr herausgegebenen Zeitschrift. Bald darauf erhält er als Organisator einer Studentendemonstration gegen den Versailler Friedensvertrag eine einjährige Gefängnisstrafe. Im Gefängnis lernte er eine junge Studentin kennen, die ebenso wie er wegen Teilnahme an einer verbotenen politischen Demonstration verurteilt worden war. Im Jahre 1925 heiratete er diese Kommilitonin, die heute die Leiterin des all-chinesischen kommunistischen Frauenverbandes ist.

Als Tschu aus dem Gefängnis entlassen wurde, hörte er, daß ein Bibliothekar an der Pekinger Universität namens Mao Tse-tung die Möglichkeit hätte, Werkstudenten nach Frankreich zu senden. Bald gehörte Tschu zu ihnen: 1920 reiste er nach Paris. Zwei Jahre studiert er an der Sorbonne, in den Ferien arbeitet er in den Kohlengruben bei Lille. Als 1921 die Nachricht von der Gründung der kommunistischen Partei Chinas in Paris eintrifft, ist Tschu einer der Gründer der ersten Auslands-Ortsgruppe dieser Partei. Anschließend studiert er mehrere Semester in Göttingen. Während seines Aufenthaltes in Deutschland macht er in Berlin die Bekanntschaft eines chinesischen Offiziers, Tschu Teh, der sich dort mit dem Studium der Militärwissenschaft befaßte. Es gelingt Tschu En-lai, diesen Offizier als Mitglied der KP zu gewinnen, Heute gehört Tschu Teh als Oberster Befehlshaber der chinesischen Streitkräfte und Stellvertreter Mao Tse-tungs zu den Großen Vier der chinesischen Volksrepublik.

Wo Tschu En-lai sich in den Jahren 1923 und 1924 aufhielt, ist unbekannt. Wahrscheinlich hat er in dieser Zeit seine politische Ausbildung in Moskau abgeschlossen. Hierfür spricht die Tatsache, daß er nach seiner Rückkehr in die Heimat Sekretär des sowjetischen Generals Galen wird und später die politische Schulung der Offiziere an der Militärakademie in Whampoa übernimmt. Diese Schlüsselstellung hat er vier Jahre inne. Viele Hunderte von jungen Offizieren, auf die er nach dem Urteil Tschiang Kai-schecks einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt hat, sind durch seine Schule gegangen, nicht nur Chinesen, sondern auch andere Asiaten, wie zum Beispiel der ihm von Ho Chiminh, empfohlene junge Annamit Pham Vandong, der heute als Außenminister der Vietminh die Verhandlungen in Genf führt.

1927 betraut Tschiang Kai-scheck seinen erfolgreichen Schulungsleiter mit der heiklen Aufgabe, die Millionenstadt Schanghai von innen heraus für eine Übergabe an die Kuomintang reif zu machen. Tschu erfüllt diese Auftrag, indem er in wenigen Monaten eine Arbeitermiliz aufstellt und einen erfolgreichen Aufstand durchführt. Trotzdem kommt es zwischen Tschiang und den Kommunisten zu einer Entzweiung, als Tschiang sie beschuldigt, selbst die Macht in Schanghai übernehmen zu wollen. Tschiang läßt die kommunistischen Führer verhaften und kurzer Hand erschießen. Tschu En-lai, dem das gleiche Schicksal zugedacht ist, wird von einem seiner früheren Schüler aus Whampoa im letzten Augenblick gerettet. Auf den Kopf des geflüchteten Tschu setzt Tschiang eine Prämie von 80 000 Dollar.