San Franzisko, im Juli

Wenn man von bemerkenswerten Seen spricht, erwähnt man den größten See der Welt, den höchstgelegenen oder den schönsten ..., aber kaum jemand weiß vom Searles-See, obwohl er der reichste See der Erde ist und einer der seltsamsten. Nicht einmal alle Südkalifornien, in deren Gebiet er liegt, kennen seinen Namen, und nur ganz wenige haben ihn gesehen, weil er in einem unwirtlichen Teil des Staates liegt, vom fruchtbaren San-Joaquin-Tal und dem bevölkerten Los Angeles durch die Kette der Sierra Nevada getrennt, in heißer Wüste, nicht allzuweit vom Depressionsgebiet des Toten Tales (Death Valley), dem tiefstgelegenen Teil der Vereinigten Staaten.

Nur wenige Touristen verirren sich in diesen Teil Kaliforniens. Aber sie erleben eine gewaltige Überraschung, wenn sie sich nach stundenlanger Fahrt durch Sand und Stein wüste dem Searles-See nähern. Denn plötzlich werden sie sich riesigen Schloten, weißglühenden Öfen, Stahl- und Wellblechmauern gegenübersehen, die in der unerbittlich heißen Sonne glitzern. Es sieht aus wie eine medianisierte Fata Morgana in der kalifornischen Wüste. Es ist aber Wirklichkeit. Denn der Searles-See existiert wirklich und ist von großer Bedeutung für die Vereinigten Staaten und die übrige Welt. Er enthält nicht weniger als drei Milliarden Tonnen Chemikalien – viele davon, wie Borax und Pottasche, werden in Industrie und Landwirtschaft gebraucht.

Der Searles-See hat keine Zuflüsse und Abflüsse mehr; er ist zum größten Teil ausgetrocknet, aber das wenige Wasser, das übriggeblieben ist, spielt eine große Rolle bei der Ausbeutung seiner chemischen Bodenschätze. Die heutige Industrie ist das Resultat eines jahrzehntelangen Kampfes zwischen menschlichem Unternehmungsgeist, fast unerträglichem Wüstenklima und der Unzulänglichkeit der chemischen Schätze im Seebecken. Es waren Goldsucher, die den Searles-See zuerst zu Gesicht bekamen. Vor beinahe hundert Jahren erreichte eine Gruppe Abenteurer auf der Suche nach Gold sein Ufer. Sie waren halb verdurstet und stürzten sich gierig auf das Wasser; aber zu ihrer Enttäuschung schmeckte es salziger als Meerwasser. Sie wanderten weiter, ohne zu ahnen, daß dieses Salzwasser Milliardenvermögen versprach.

Mehr als fünfzig Jahre vergingen, ehe man Versuche unternahm, die Schätze des Searles-Sees zu heben. Von 1905 bis 1916 versuchte eine Reihe Firmen ihr Glück, aber sie gingen alle bankrott, bevor sich ein Erfolg einstellte. 1913 baute eine der Gesellschaften eine fünfzig Kilometer lange Bahnlinie, die den See mit der südpazifischen Eisenbahn verband. Es fanden sich abenteuerlustige Pioniere, die es wagten, sich in der Wüste niederzulassen. So entstand Trona, einer der seltsamsten Orte des Landes. Die Durchschnittstemperatur beträgt hier vierzig bis fünfzig Grad Celsius. Regen ist fast unbekannt. Die Vegetation besteht aus Kakteen und roten, orangefarbenen und gelben Algen, die auf dem Salzsee wuchern wie wundersame Wasserlilien. Nichtsdestoweniger haben die Einwohner Tronas den Ort zu einer wohnlichen Siedlung gemacht, mit Bäumen und Gärten und einem künstlichen Kühlungssystem in allen Häusern. Natürlich arbeiten fast alle Einwohner des Ortes für die Gesellschaft, der es schließlich gelungen ist, die Schätze des Sees zu heben.

Während der vergangenen dreißig Jahre hat der Searles-See neun Millionen Tonnen Chemikalien geliefert, mehr als zweihundert Millionen Dollar wert. Und die Fachleute sagen, daß damit kaum ein Anfang gemacht ist. Heute liefert der See vierzig von Hundert des gesamten Weltvorkommens an Borax und ein Siebentel der amerikanischen Pottascheproduktion. Der See ist die größte Bezugsquelle von Sodasulfat, er enthält auch Borsäure, Lithiumsalze, schwefelsaures Natron und Brom. Immer neue Chemikalien werden entdeckt. Erst kürzlich brachte eine Bohrung an einer trockenen Stelle des Seebettes eine Schicht chemisch fast vollkommen reinen doppeltkohlensauren Natrons zutage.

Die Chemikalien werden nicht wie in einem Bergwerk zutage gefördert, sondern ausgelaugt, das heißt, das damit gesättigte Wasser wird in die Fabriken am Ufer geleitet. Aus einem Umkreis von vielen Kilometern sammelt sich unterirdisches Wasser unterhalb des ausgetrockneten Seebeckens an. Dort absorbiert es die abgelagerten Substanzen. Dieses Wasser wird aus ungefähr 25 Meter Tiefe emporgepumpt und dann in sechs kilometerlangen Röhren ans Ufer befördert; etwa zehn Tonnen je Minute in ununterbrochenem Strom.