Von Italo Zingarelli

Rom, Mitte Juli

Der Parteitag der Democrazia Cristiana in Neapel hatte ein sehr bemerkenswertes Ergebnis: die junge Generation setzte sich durch; ihre Gruppe, die sogenannte Iniziativa democratica, ließ bei aller liebenswürdigen Rücksichtnahme gegenüber den „Alten“ keinen Zweifel daran, daß sie gewillt ist, ihren Anteil an der Verantwortung zu übernehmen.

Erst die nächste Zukunft wird zeigen, ob man die Democrazia Cristiana von nun an als eine erneuerte oder gar als eine neue Partei zu betrachten hat. Die Frage ist wichtig, denn die Lösung der innenpolitischen Krise Italiens hängt ganz und gar davon ab, ob die stärkste Partei des Landes sich fortentwickelt oder ob sie stagniert und geschwächt wird. Nur sie kann dem Linksblock aus Kommunisten und Nenni-Sozialisten die Waage halten. Denn die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, daß die sonstigen Parteien der Mitte, der Rechten und der äußersten Rechten sich immer weiter spalten und sich untereinander in Kämpfe verwickelt haben. Der Block der äußersten Linken dagegen ist fest beisammen geblieben. Die Democrazia Cristiana ist also ein unentbehrlicher politischer Faktor. Sie zu zersetzen oder zu spalten, wäre ein schlimmer Fehler, ja ein Verbrechen, solange nicht die Möglichkeit besteht, sie durch einen ebenso starken Block zu ersetzen. Ihre Führer und ihre Anhänger tragen daher große Verantwortung.

Seitdem Alcide de Gasperi vor etwa einem Jahr die Leitung der Regierung aus der Hand geben mußte, hat er sich bemüht, die Kräfte innerhalb der Partei zu konzentrieren und auszuwiegen. Alles respektiert ihn und erkennt seine Autorität an, obwohl sich in Neapel zeigte, daß der Gehorsam nicht mehr einmütig und absolut ist. Die Jungen zollen den Meinungen des alten Herrn Achtung, aber sie setzen ihm ihre eigenen entgegen. Und sie sind nicht mehr gewillt, zu warten. Sie haben Eile. Sie klopfen nicht lärmend an die Tür und versuchen nicht, sie einzudrücken, aber sie klopfen immer entschlossener an.

Wie lange werden sie noch warten? Gegen Ende des Parteitags von Neapel sah es noch so aus, als würden sie ein paar Monate Geduld haben. Heute aber deutet alles darauf hin, daß sie die Brücken hinter sich verbrennen wollen. Sie haben de Gasperi sehr höflich, aber ebenso deutlich zu verstehen gegeben, daß es gut sein werde, wenn er die Bürde des Generalsekretärs der Partei niederlegte und sich auf die Kandidatur zum Präsidenten der Republik vorbereitete. (Die Amtszeit des jetzigen Präsidenten Einaudi. läuft im Mai 1955 ab.) Mit anderen Worten: de Gasperi soll endgültig auf politische Aktivität verzichten und zum Symbol der Einheit des Landes werden. Er soll, wie einst der König, „herrschen, aber nicht regieren“. Die Jungen machen auch keinen Hehl daraus, daß sie es für richtig hielten, wenn zugleich mit dem Rücktritt de Gasperis der jetzige Ministerpräsident Scelba sein Amt an Fanfani abtrete.

Wichtig unter diesen Umständen ist vor allem, daß die Auflösung des Parteigefüges vermieden wird. Der erste, der sich deswegen Sorge machte, war der Osservatore Romano, die Zeitung des Vatikans. Er betonte in seinem Kommentar zum Parteitag die Notwendigkeit der „Einheit als der Voraussetzung für innere Stärke und Expansionskraft“. Aber auch er kam zu dem Schluß, daß die neue Lage nicht ohne Gefahren ist. Natürlich legt der Osservatore Romano auf die Wiedergewinnung der Katholiken entscheidenden Wert, während man in Neapel über die Notwendigkeit gesprochen hat, die Basis für die Mehrheit im Lande und im Parlament zu verbreitern. Man hat die Frage des Anschlusses an andere Gruppen erörtert und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß Anschluß nach rechts untunlich sei. Damit hat der Parteitag den früheren Ministerpräsidenten Pella desavouiert, dem man derartige Neigungen nachsagt.