Der Leipziger Kirchentag hat gezeigt, daß es ein gesamtdeutsches Zusammensein auch ohne gesamtdeutsches Geschwätz gibt. Bischof Dibelius hat einmal, den politisierenden Kirchenpräsidenten Niemöller zurechtweisend, gesagt: „Die Kirche muß die Welt vor ihre Fragen stellen und sich nicht die Fragestellung von der Welt vorschreiben lassen.“ Es wäre schön gewesen, wenn alle protestantischen Abgeordneten des Bundestages am Kirchentag in Leipzig teilgenommen hätten, um zu beweisen, daß es eine unzerreißbare Gemeinschaft ohne politischen Kompromiß gibt.

Leipzig, Mitte Juli

Auch über Leipzig hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet. Es regnete fast pausenlos während der fünf Tage des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Nur ganz zum Schluß, als sich die 500 000 am Sonntagnachmittag auf der Rosenthalwiese versammelten, hielten die Wolken dicht. Doch schon während der letzten Choralstrophen begann wieder der große Regen.

Ein verregneter Kirchentag also – zum erstenmal. Wäre uns das 1952 in Stuttgart, 1953 in Hamburg passiert, so wäre das eine absolute Pleite für den Kirchentag geworden, meinte Kirchentagspräsident Dr. Reinold von Thadden-Trieglaff. In Leipzig aber hat es nicht viel ausgemacht, Kirchentagsteilnahme ist an sich schon kein müheloses Vergnügen. In Leipzig war es eine ausgewachsene Strapaze. Es bedeutete nämlich: vom Morgen bis zum Abend in nassen Kleidern in einer fremden Stadt umherlaufen, auf harten Bänken oder kleinen Klappstühlen in nüchtern kalten Messehallen sitzen und lauschen. Nichts mehr von jenem heiteren Bild spazierender und lagernder Menschen in grünen Parkanlagen. Nichts von freudeüberstrahlter Begegnung unter leuchtendem Himmel.

Wie im Kolleg

Dabei hieß doch das Leitwort: Seid fröhlich in Hoffnung! Und schließlich war dies doch der erste Kirchentag mit Teilnehmern aus Ost und West auf mitteldeutschem Boden. Allerdings ist das Begegnen der Getrennten, mindestens unter den Christen, heute stiller geworden. Warum? Wer weiß es. Vielleicht hat die lange Dauer der Trennung die Menschen stumm werden lassen. Vielleicht fehlte der Mehrzahl der Teilnehmer, und das waren die, die aus Mitteldeutschland kamen, das befreite Aufatmen in einer anderen Welt. Vielleicht war es auch nur das lastende Grau dieser Stadt. Das Leipzig des Kirchentages war so grau wie eine Stadt nur irgend sein kann. Auch die Unzahl der Spruchbänder konnte den abgenutzten Fassaden nicht zu hellerem Leben verhelfen.

Man hat von einem „großen Kolleg Gottes in Leipzig“ gesprochen. Mit Recht, denn wenn man die vielen Blätter und Bogen, die in diesen Tagen in Leipzig beschrieben wurden, auf einen Haufen legen wollte, so wären mehrere Lastwagen zu ihrem Abtransport notwendig. Emsig waren die Teilnehmer über ihre Notizhefte gebeugt, und begierig trugen sie schwarz auf weiß das ein, was sie als unverlierbaren Besitz mit nach Hause nehmen wollten, um es denen mitzuteilen, die die Reise nicht hatten unternehmen können. Die Andacht der Gläubigen, der Durst der Menschen nach dem Wort Gottes, wie es in der Eröffnungspredigt hieß, war der Haupteindruck in Leipzig. Jeden Morgen versammelten sich Hunderte in den Gebetsgemeinschaften und Tausende bei der Bibelarbeit. Und noch am späten Abend konnten die Kirchen die Menschen kaum fassen, die zum Tisch des Herrn drängten. Dieser Kirchentag war ein einziger großer Gottesdienst.