Vielleicht glauben Sie, die Höhe Ihres Küchenherdes, die Dicke Ihrer Kochtopfböden, die Anordnung der Schubfächer Ihrer neuen Einbauküche seien Zufälligkeiten, vielleicht aber meinen Sie auch, was heute an Haushaltsartikeln angeboten werde, sei das Ergebnis langjähriger Erfahrung, zu dem alle Hausfrauen durch Jahrzehnte das Lehrgeld gezahlt haben. Die zweite Vorstellung ist noch am ehesten richtig, denn ohne Entwicklung, ohne Erfahrung kann nichts Neues auf den Markt kommen. Aber man kann diese Entwicklung beschleunigen, die Erfahrungen konzentrieren und künstlich herbeiführen. Das nennt man dann Forschung. Eines der neuesten Gebiete der Forschung ist das des Haushaltes. In Amerika hat man damit begonnen, Man testete, registrierte, berechnete, man fragte Tausende von Hausfrauen und schuf Forschungsstellen, deren Zweck es war, alles herauszufinden, was zur Erleichterung der Hausarbeit beitragen kann. Heute gilt Amerika als das Paradies der Hausfrauen. Schweden und die Schweiz haben sich den amerikanischen Methoden der Haushaltforschung sehr bald angeschlossen. Deutschland hat es einigen tüchtigen amerikanischen Frauen der Besatzungsmacht zu danken, daß es heute eine Bundesforschungsanstalt für Hauswirtschaft besitzt, Diese Anstalt gliedert sich in zwei Institute, des „Institut für Wirtschaftslehre und Soziologie“ in Bad Godesberg und des „Institut für Ernährung und Technik“ in Stuttgart-Hohenheim.

In Godesberg werden soziologische Fragen des städtischen und ländlichen Haushaltes studiert, wird die Situation des Haushaltes in der gesamten Volkswirtschaft erforscht, werden genaue Erhebungen über Arbeitsaufwand der verschiedensten Haushalte gemacht. Es gibt ganze Dörfer und Stadtbezirke, die bei diesen Untersuchungen mithelfen und zum Beispiel in einem monatelang geführten Arbeitstagebuch über jede Viertelstunde des Tages Rechenschaft ablegen. Nehmen wir ein Beispiel, um den Sinn dieser Untersuchungen klarzumachen. Man hat eine Versuchsreihe angelegt, die zeigen soll, welcher Zeitaufwand bei der Vorratshaltung notwendig ist, wieviel Mehrarbeit die Hausfrau hat, die einkocht, trocknet, mostet u. ä. gegenüber der, die alles fertig bezieht. Dies wird dann wieder in Relation zum Finanziellen gebracht. Weiter hat man den Gartenbau der Hausfrau, den kleinen „Eigenbau“ sowie den bäuerlichen Gartenbetrieb erforscht – vom zeitlichen, geldlichen und auch vom Energieaufwand her. Alles Fragen, die recht beachtenswert sind in einer Zeit wie der unseren, die sich immer mehr zur Industrialisierung hin entwickelt. Diese Forschungen werden überwiegend in Verbindung mit dem Max-Planck-Institut für Ernährungsphysiologie gemacht.

Eine besondere Abteilung bildet die Erforschung der Kleidung und der Textilien. Die zweckmäßigste Kleidung zum Beispiel für die Bauernfrau zu finden und gleichzeitig die neuen Textilien im Hinblick auf ihre praktische Verwendbarkeit im Haushalt zu prüfen, ist hier das Anliegen – auch wieder in enger Zusammenarbeit mit entsprechenden Forschungsstellen. Mit der Höheren Fachschule für die Bekleidungsindustrie in Köln wurde eine Musterkleidung für die Bäuerin entworfen (Arbeitsjacke, Arbeitshose, Blusen, Kleider, Stallkittel, Hosenrock). Diese Kleidung wurde einem Gremium von Textilspezialisten vorgeführt und dann zur praktischen Erprobung in die bäuerlichen Familien gegeben. Diese Erprobung steht vor ihrem Abschluß, Nun kann mit der industriellen Fertigung begonnen werden, und es können die Schnittmuster für die selbstschneidernde Frau in Auftrag gegeben werden.

Mehr auf praktische Erprobung ist das gesamte Stuttgarter Institut abgestellt, in dem die moderne Ernährung sowie die gesamte Technik einschließlich des Küchenbaues erforscht wird. Schon der Bau des Institutes, der etwa vor eineinhalb Jahren begonnen wurde, war eine permanente Erprobung und Forschung. Und noch heute ist das Wohnen und Arbeiten ein Ausprobieren. Verschiedene Fußbodenbelage wurden verwendet, die man nun in ihrer Bewährung prüft, während man gleichzeitig Pflege- und Konservierungsmittel an ihnen ausprobiert; neuzeitliche Tischbeläge werden in der Benutzung kontrolliert, Wandanstriche und Tapeten in ihrer Wirkung auf die Menschen-beobachtet, Möbel auf ihre Zweckmäßigkeit geprüft; billige und praktische Beleuchtungskörper wurden selbst entworfen, Einbauschränke in allen Variationen verwendet, um zur Kenntnis der praktischsten zu kommen. Dies alles geschieht gewissermaßen nebenbei, so wie die Bewohner eines neuen Hauses ihre Erfahrungen sammeln, aus ihnen lernen und es ihren Freunden weitersagen. Die „Freunde“ des Institutes aber sind die Hausfrauen, die wirklich objektive Erfahrungen mitgeteilt bekommen. Die eigentliche Arbeit der Forschungsanstalt besteht in Forschungsaufgaben, die von verschiedenen Institutionen gestellt werden. Wir wollen hier nur einige Themen nennen, um zu zeigen, wie weit der Bogen gespannt ist: „Einfluß des Dampfkochens auf Vitaminzerstörung“, „Untersuchungen über die Ernährung der Landbevölkerung Württembergs“, „Entwicklung von Prüfungsmethoden technischer Geräte“, „Untersuchung von Propangasherden gegenüber Elektroherden im Haushalt“, „Arbeitsbelastung der städtischen Hausfrauen“. Wenn zu Anfang bei den Forschungsaufträgen der ländliche Haushalt im Mittelpunkt stand, so verschiebt sich das heute immer mehr; des Institut ist gleicherweise am städtischen Haushalt interessiert. Neben diesen Aufträgen laufen Untersuchungen über Haushaltgeräte, werden Wohn- und Bauprobleme mit Verwandten Instituten erörtert und Erfahrungen koordiniert. Außerdem werden Ausstellungen für den Musterdienst vorbereitet. Der Musterdienst ist eine Beratungsstelle für die Stuttgarter Hausfrauen (selbstverständlich auf schriftliche Anfrage hin auch für auswärtige Hausfrauen), in dem man sich über neue Geräte, über zweckmäßige Kücheneinrichtungen u.a. erkundigen kann. Für die große Küchenausstelhing, die zur Zeit in Stuttgart zu sehen ist, wurden alle gezeigten Modelle in Hohenheim ausprobiert.

Daß die Ergebnisse der Forschungsarbeit nicht nur auf den kleinen Kreis der Auftraggeber beschränkt bleiben, dafür sorgen diese selbst und dafür sorgt vor allem die Beratungsstelle in Stuttgart. Hier ist die Möglichkeit gegeben, unmittelbar mit der Praxis zusammenzuarbeiten. Die Forschungsergebnisse kommen direkt an den Verbraucher, während die Anregungen aus dem Verbraucherkreis wiederum die Forschungsarbeit befruchten. Dafür sorgen aber auch Lehrgänge für hauswirtschaftliche Lehrerinnen, für Fachkräfte der Sparten „Textil“, „Ernährung“, „Bauen und Wohnen“ und angrenzender Gebiete. Dafür sorgen auch die Veröffentlichungen der Forschungsanstalt, sowie Ausstellungen und Vorführungen. Wir haben also hier wirklich keine Forschung im luftleeren Raum, sondern die mustergültige und ideale Dreiheit von Forschen, Beraten und Lehren.

Annemarie Hassenkamp