Auch wenn Monat für Monat die deutsche Handelsbilanz mit einem Aktivsaldo abschließt: die Zukunft des deutschen Exports ist durchaus nicht sorgenfrei! Zu den vielen Äußerungen, die immer wieder auf die Notwendigkeit einer langfristigen Fundierung der deutschen Exportwertschaft hinweisen, wird jetzt von berufener Seite eine neue Stimme laut. Dr. Clodwig Kapferer, Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschaftsarchivs, ist von einer Reise durch den Irak zurückgekehrt und stellt erneut die Frage nach deutschen Ingenieurbüros, die auf internationaler Ebene arbeiten.

„Where is the German Nedeco?“ Diese Frage wurde Kapferer in Bagdad im Development Board, der obersten irakischen Planungsbehörden für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, gestellt. Den Fachmann überrascht diese Frage nicht, denn schon seit langem bemühen sich einige Einsichtige, in der Bundesrepublik Firmen für den technischen Beratungsdienst in überseeischen Ländern zu schaffen. Bisher allerdings ohne Erfolg. Inzwischen bekommen Firmen wie die „Nedeco“ (Netherlands Engineering Consultants), die erst vor einem Jahr als unabhängige Institution mit staatlicher Unterstützung gegründet wurde, die Aufträge für Planungsarbeiten...

Es handelt sich zwar „nur“ um Planungen bzw. um ihre technische Beratung. Aber im Zeitalter der umfassenden öffentlichen Vorhaben zur Entwicklung der Wirtschaft in den überseeischen undeveloped countries“ ist ohne Einschaltung in die technischen Planungsarbeiten und ohne technischen Beratungsdienst kein langfristiger Erfolg im Exportgeschäft zu erzielen. Außerdem wird in vielen Ländern nicht etwa im luftleeren Raum gedacht, sondem die Verbindung mit der Realität ist durch die vorhandenen Finanzierungsmöglichkeiten gewahrt. Dies gilt besonders für den Irak. Der Development Board erhält von den Einkünften der irakischen Regierung aus Royalties (Lizenzgebühren der im Irak konzessionierten Erdölgesellschaften) 70 v. H. Das sind immerhin jährlich über 400 Mill. DM. Auch stehen ihm noch andere Finanzierungsquellen (Regierungsmittel und Anleihen) zur Verfügung. Bis zum Ende des ersten Sechsjahresplanes (1956) werden für die irakischen Entwicklungsarbeiten – in erster Linie Bewässerungs- und Verkehrsanlagen, also Großbauten – rund 1,2 Mrd. DM verbraucht sein. Die veranschlagten Gesamtkosten des Entwicklungsprogrammes werden auf 4 Mrd. DM geschätzt.

Um die Planungsaufträge der irakischen Regierung bewerben sich Ingenieurbüros aus zahlreichen Ländern. Gegenwärtig sind technische Beratungsfirmen aus wenigstens einem Dutzend Industriestaaten im Irak tätig. Dabei wird das Hauptkontingent von den USA und Großbritannien gestellt, in deren Wirtschaftsplanung das unabhängige Ingenieurbüro bereits seit Jahren eine gefestigte Rolle spielt. Aber auch andere Staaten, vor allem die Schweiz, Belgien und Holland, sind Deutschland auf diesem Gebiet voraus. Sogar die Indische Union (für die Baumwollindustrie) und Pakistan (für die Juteindustrie) haben sich einschalten können. Belgische Experten planen den Anbau von Zuckerrüben und zusammen mit ihren dänischen Kollegen den Aufbau von Zementfabriken. Japan, das seine Handelsinteressen in letzter Zeit stark auf den Mittleren Osten konzentriert, steht im Begriff, für Planungsarbeiten im Irak eine neue Organisation technischer Experten zu bilden.

Von den großen Industriestaaten ist nur Deutschland nicht im Irak mit unabhängigen technischen Beratungsunternehmen vertreten. Dabei wird das Ausbleiben deutscher Ingenieurbüros von den irakischen Stellen sehr bedauert, weil man großes Vertrauen zur deutschen Technik hat. Wie in einigen anderen Ländern, besteht man auch im Irak grundsätzlich auf von der Industrie unabhängigen technischen Beratern. So enthält die Registratur des Development Board deutsche Angebote, die den Vermerk tragen „Disqualified, because they are manufacturers Für deutsche Verhältnisse mag dies ungerecht erscheinen. Vielleicht werden der Irak und die betreffenden anderen Länder mit der Zeit ihre Einstellung zum unbedingt unabhängigen Beratungsunternehmen modifizieren. Auf absehbare Zeit kann der deutsche Bewerber an dieser Tatsache aber nicht vorbeigehen.

Bei der nach Beendigung der technischen Planungsarbeiten erfolgenden Auftragsvergebung verhält sich der Board zwar korrekt. Aber es liegt in der Natur der Sache, daß die Aufträge dann häufig an Firmen aus denjenigen Ländern vergeben werden, die die technischen Berater für die Ausarbeitung der Planung stellen. Trotzdem kommt es gar nicht selten vor, daß die von englischen oder amerikanischen beratenden Ingenieuren projektierten Aufträge an Lieferfirmen anderer Nationalitäten gehen. Die Ausschreibungstermine sind jedoch oft sehr kurzfristig gestellt. Zwangsläufig braucht diejenige Firma für ihre Offertenabgabe weniger Zeit, deren Techniker dieselben Hochschulen besucht und dieselbe Ausbildung erfahren haben, wie die technischen Berater, die die Projektierung vornehmen. Es entfällt dann die zeitraubende Anpassung an ein Projekt, das von ausländischen Beratern ausgearbeitet wurde.

Angesichts der augenblicklichen Schwergewichtsverlagerung des deutschen Exports auf das Anlagengeschäft scheint wirklich der Zeitpunkt gekommen zu sein, an die Gründung von technischen Beratungsfirmen heranzugehen. Die besonders im Anfangsstadium hohen Kosten könnten am besten von Arbeitsgemeinschaften zwischen den verschiedenen Interessenten getragen werden. Staatliche Förderung im Sinne einer langfristigen Exportpolitik – das wäre in der Bundesrepublik durchaus nicht unangebracht. Warten wir weiter... Claus Billerbeck