Am Donnerstag und Freitag dieser Woche tritt in London der Ministerrat der Organisation für Europäische Zusammenarbeit (OEEC) zusammen. Es ist die erste Sitzung jenes „besonderen Ministerausschusses dessen Konstituierung Anfang Mai auf derselben Tagung beschlossen wurde, auf der man sich auch über die Verlängerung der Europäischen Zahlungsunion um ein weiteres, aber letztes Jahr (also ihre Auflösung) schlüssig wurde. Aufgabe dieses Ministerausschusses, dessen Vorsitz Großbritanniens Schatzkanzler Butler übertragen wurde, und dem neben dem anderen in Sachen Konvertibilität am Hebel stehenden Hauptakteur Deutschland (Bundeswirtschaftsminister Erhard) die Vertreter Frankreichs, Italiens, der Schweiz, Griechenlands, der Benelux sowie der skandinavischen Länder angehören, ist es, sicherzustellen, daß auch nach Auflösung der Europäischen Zahlungsunion (EZU) im Sommer nächsten Jahres die europäische Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Zahlungs- und Handelsverkehrs erhalten bleibt, oder, anders gesagt, über die nun konkret zu ergreifenden gemeinsamen Schritte zur Wiederherstellung eines freien Austausches der Währungen zu beraten.

Die Londoner Ministerberatungen werden – obwohl im Juni bereits vorbereitende Expertenbesprechungen vorausgegangen waren, deren Ergebnisse zusammen mit einer britischen Denkschrift vorliegen,– nur eine erste Klärung der Standpunkte bringen. Das Hineinmanöverieren des die Konvertibilität der Währungen ansteuernden Geleitzuges der europäischen Nationalwirtschaften in die neue Ausgangsposition wird noch viel Schweiß kosten und – selbst im günstigsten Fall – Monate in Anspruch nehmen. Über den „Fahrplan“ dieser Reise zu den erträumten Gestaden einer auch über den Zahlungsverkehr integrierten weltwirtschaftlichen Zusammenarbeit ist im Augenblick nur so viel bekannt, daß dem jetzt in London zu seiner ersten Sitzung zusammentretenden Ministerausschuß nicht die Verpflichtung auferlegt ist, vor Ende Oktober dem Pariser Hauptquartier der OEEC Bericht zu erstatten. Also dürfte die im September stattfindende Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds noch ohne entscheidende Entschlüsse in dieser Richtung vorübergehen...

Aber wie sich der Zeitplan dieser Aktion, die Europa an den Beginn einer neuen und – nach der Ära des Marshall-Plans und der Zahlungsunion – dritten Entwicklungsetappe stellt, in seinen einzelnen Phasen noch verschieben wird –, feststeht bereits so viel, daß heute die meisten Länder Europas (vor allem Großbritannien, Holland, Belgien, Luxemburg und Westdeutschland) mit Ernst auf die Konvertibilität ihrer Währungen hinarbeiten und daß man sich darüber einig ist, daß dieser Schritt gemeinsam und in gegenseitiger Abstimmung getan werden soll. Noch vor einem halben Jahr war man zum mindesten in London und in Bonn anderer Meinung. Als 1952 in beiden Ländern die Währungskonvertibilität in die Arena der großen wirtschaftspolitischen Zielsetzungen hineindiskutiert wurde, schien es zunächst so, als ob es zwischen Pfund und D-Mark ein Kopf-an-Kopf-Rennen um das Blaue Band der Währungsfreiheit kommen würde. Noch im Vorjahr hoffte England . für seinen Teil auf handfeste Dollarhilfen. Erst als die Amerikaner es ablehnten, diese zweifellos, gewagte avantgardistische Einzelaktion, die die EZU vor ihrem programmgemäßen Ende und damit die im Rahmen der OEEC erfolgreich angelaufene europäische Zusammenarbeit aufzusprengen drohte, finanziell zu stützen, begann man in London jene andere Formel von der „kollektiven Konvertierbarkeit“ zu entwickeln. Bei dem Maibesuch des englischen Schatzkanzlers in Bonn wurde man sich darüber einig, daß, wie der „Manchester Guardian“ damals unter der Schlagzeile „Bonn-Triumph für Mr. Butler“ schrieb, „Großbritannien und die Bundesrepublik in der Frage der Konvertibilität zusammen denken und handeln werden“.

Das von England entwickelte und propagierte Konzept einer „kollektiven Konvertierbarkeit“ der Währungen, das die Beratungen in London weitgehend bestimmen wird, hat den Vorteil, realistisch zu sein. Denn abgesehen davon, daß ein von bürokratischen. Fesseln befreites internationales Zahlungssystem nur dann auch wirklich real und funktionsfähig ist, wenn es sich auf alle oder wenigstens auf alle wichtigen am Welthandel teilnehmenden Länder unterstützt, so bringt auch jedes isolierte und „ungesicherte“ Vorprellen einzelner Länder oder eines einzelnen Länderblocks die Gefahr erheblicher Störungen im internationalen Waren- und Dienstleistungsverkehr mit sich. Diejenigen Linder, die in der ersten Phase dieser Aktion ihr Währungen noch nicht konvertibel machen, dürften sich leicht veranlaßt sehen, zum Ausgleich ihrer cefizitären Zahlungsbilanzen und zum Zwecke der Anreicherung der immer begehrten harten Devisen ähnliche Einfuhrrestriktionen gegenüber den Ländern mit konvertiblen Währungen vorzunehmen, wie sie heute von den Weichwährungsländern gegenüber dem Dollarraum praktiziert werden. Der internationale Handel würde damit eine Einengung erfahren und in eine Entwicklung gedrängt werden, die ganz und gar nicht in die Konzeption eines multilateral integrierten Welthandels paßt, die der westlichen Welt bei allen diesen Bemühungen um eine Auflockerung des Zahlungsverkehrs als das große wirtschaftspolitische Endziel vorschwebt. Die jetzt in London beginnenden Beratungen werden sich also nicht nur mit dem Problem zu beschäftigen haben, wie der Kreis der die Währungskonvertibilität ansteuernden Länder möglichst weit gezogen werden kann, sondern auch damit, wie ein funktionsfähiges Nebeneinanderbestehen konvertierbarer und nichtkonvertierbarer Währungen möglich gemacht werden kann – ohne das Mittel der Handelsdiskriminierung einzusetzen. Soweit bis jetzt zu erkennen ist, will man die Einrichtung eines besonderen Kreditfonds vorschlagen, der den vorläufig noch nicht zur Konvertibilität übergehenden Weichwährungsländern für den Ausgleich vorübergehender Zahlungsbilanzdefizite zur Verfügung stehen soll.

Schwieriger als die Abstimmung dieser handelspolitischen Fragen – letzten Endes geht es dabei um nichts anderes als die Sicherstellung und Weiterentwicklung der unter der Ägide der EZU eingeleiteten Liberalisierungspolitik – dürfte aber das Festlegen gemeinsamer Verhaltensregeln auf dem Gebiet der Währungs- und Finanzpolitik sein, an denen man nicht vorbeikommen wird, wenn das Konvertibilitätsexperiment gelingen soll. Denn die Rückkehr zu dem System frei einlösbarer Währungen kann unter den heute gegebenen Voraussetzung gen – besonders dann, wenn diese Aktion auf eine möglichst breite Basis durch Teilnahme möglichst vieler Länder gestellt werden soll – nicht gleichbedeutend sein, mit einer Wiederherstellung des alten klassischen Goldstandards und damit einer Ordnung der Währungen und Zahlungsbilanzen, deren Ausgleich sich automatisch über die den Geldumlauf regulierenden Goldbewegungen vollzog. Solange eine einfache Rückkehr zu dieser bis 1914 bewährten Mechanik nicht möglich sein wird Frankreichs Finanzminister Edgar Faure hat bereits im Hinblick auf die Londoner Beratungen vor Tagen nachdrücklich darauf hingewiesen, daß sein Land bei aller positiven Einstellung zur Frage der Konvertibilität sich dazu vorläufig außerstande sehe –, wird es also internationaler Abmachungen und recht handfester organisatorischer Maßnahmen bedürfen, um auch die konvertierbar gemachten Währungen ohne das neutrale Medium des Goldes einigermaßen zusammen- und bei der Stange zu halten.

Die These von der „kollektiven Konvertierbarkeit der Währungen“ bekommt so – über taktische Erw.ägungen hinaus – ihren ganz konkreten Sinn, dessen Konsequenzen sich die nationalen Regierungen nicht entziehen können. Hier zu klaren Entschlüssen zu kommen, wird die wohl schwierigste Wegstrecke sein, die die sich jetzt in London versammelnden Minister in den nächsten Wochen: hinter sich zu bringen haben werden. Das Niederreißen der durch Devisenzwangswirtschaften zwischen den Ländern aufgerichteten trennenden Mauern dürfte nicht ohne Reibungen vor sich gehen. Für nationale inflationistische oder deflationistische Sonderaktionen wird jedenfalls kein Platz mehr in – einem Europa sein, das sich nun endlich und recht ernsthaft zum Absprung in die Konvertibilität rüstet. Wofgang Krüger