Nachschlagewerke wie der Große Brockhaus sindeine Sache für sich und dürfen auch heute getrost zwölf Bände haben. Selbst der gehetzteste Manager billigt ihnen diesen Umfang zu. Hingegen eine Weltgeschichte in zwölf Bänden, die sich an breite Leserschichten wendet, bedeutet ein Risiko, das so leicht kein Verleger auf sich nimmt. Die Losung der Stunde heißt: „Lies schneller, Zeitgenosse!“ Die klassischen Giganten des Bücherschrankes sind kein Gegenbeweis; sie haben nur zu oft bloß repräsentative Funktion.

Hendrik van Loon, gebürtig in Rotterdam, hat offenbar die Zeichen seiner Zeit schon früh verstanden und schrieb deshalb die

„Geschichte der Menschheit“ (Rascher Verlag, Zürich 1953, 450 Seiten, 17,– DM)

vom Neandertaler bis zum Jahr 1929. Warum ausgerechnet bis 1929? Weil just um diese Zeit Hendrik van Loon die Feder aus der Hand legte, und wenig später die erste Auflage erschien. Auch in Deutsche land. In USA kauften zweihundertfünfzigtausend wißbegierige Menschen sein Buch, und die vorliegenden Ausgaben in deutscher Sprache kletterten bis zum 44. Tausend. Mynher van Loon hat also nicht falsch getippt.

Die Zeitschrift „The Nation“ nennt den Verfasser schlechthin ein Genie. Das ist ein großes Wort, sozusagen ein Superlativ, mit dem man vorsichtig umgehen sollte. Der gesunde Menschenverstand ist für den täglichen Gebrauch ein sehr nützliches Vehikel, und die Gabe, ein kompliziertes Knäuel von Geschehnissen auf jugendlich hemdsärmelige Manier zu entwirren und durch Simplifizierung für jedermann schmackhaft zu machen, kommt dem beim Publikum weitverbreiteten Wunsche nach mühelosem Erwerb geschickt entgegen. Aber deshalb schon ein Genie?

Hendrik van Loon ist ein geistig robuster und fortschrittlich gesinnter Mann, der nicht nur über die Tatsachen der Weltgeschichte Bescheid weiß, sondern sich auch über alles und jedes ein persönliches, selbständiges Urteil zurechtgelegt hat. Immer vom Standpunkt des sogenannten gesunden Menschenverstandes aus. Und so, gewappnet mit schönem Selbstvertrauen, erzählt er zu Nutz und Frommen für groß und klein, wie es seit sechs Jahrtausenden auf der Welt zugegangen ist. „Ich erzähle nun...“ heißt es immer wieder bei ihm, und ein Erzählen ist beinahe ein vergnügliches Plaudern, sehr oft nicht ohne Humor und auch nicht ohne ein gelegentliches Lächeln über all die Dummheiten, die sich der Homo sapiens seit Adam und Eva ganz überflüssigerweise geleistet hat. Und an einigen Stellen fällt auch mal ein Wort, aus dem der Leser entnehmen kann, daß es im Verlauf der Menschheitsgeschichte hin und wieder so etwas wie problematische Gestalten und geistige Fragen gegeben hat.

Statt der sonst üblichen Porträts von Helden und Schurken oder der Photos von Tempeln und Schlössern hat Hendrik van Loon eigenhändig 173 Federzeichnungen angefertigt. Der Verfasser betont ausdrücklich, daß er auf große künstlerische Fähigkeiten keinen Anspruch erhebe, aber „weil er genau weiß, was er sagen will und weil seine Absicht von geschickteren Künstlern nicht ausgedrückt werden könnte“ – hat er dem Drang zur Zeichenfeder ausgiebig nachgegeben. Leider, denn in den meisten Fällen sind die Bilderchen ziemlich nichtssagend und von rührender Banalität. Aber wer wüßte nicht, daß die gutgemeinten Zeichnungen von solcher und ähnlicher Provenienz fast immer eine Art Demaskierung sind? E. A. Greeven