London, Mitte Juli

Genau wie die ersten amerikanischen Meldungen über die Ergebnisse der Reise Churchills und Edens nach Washington, zeigten auch die Anfangsberichte in England eine optimistische Tendenz. Dann aber kam ein grausames Erwachen. Fast unmittelbar nach der Abreise Sir Winstons und Anthony Edens setzte die feindselige Reaktion des Kongresses und der amerikanischen Presse ein, was naturgemäß auch auf den Ton der britischen Presse abfärbte. Die dramatische Ankündigung des republikanischen Führers im Senat, Knowland, er werde die Führung der Partei niederlegen und eine Bewegung für den Austritt Amerikas aus der UNO starten, wenn Rotchina zur UNO zugelassen würde, nahm in der britischen Presse einen größeren Raum ein, als fast jedes andere amerikanische Ereignis in der letzten Zeit. Daß dann auch der demokratische Führer, Senator Johnson, sich die Stellungnahme Knowlands zu eigen machte, war vielleicht noch dramatischer und wurde ebenso breit wiedergegeben.

Man kann sagen, daß das britische Publikum zum erstenmal von der Stärke der Opposition der Amerikaner gegen Rotchina unterrichtet wurde und die tiefe Kluft, die jetzt die öffentliche Meinung Amerikas und Englands trennt, realisierte. Der plötzliche Wechsel in der britischen Stimmung, der daraufhin eintrat, geht deutlich aus dem Gegensatz hervor zwischen dem, was Churchill äußerte, als er Washington verließ, und dem, was er bei seiner Landung in England sagte. Das, was er als eine der erfolgreichsten “Begegnungen bezeichnet hatte, nannte er später „nicht völlig ohne Erfolg“.

Seit Jahren, besonders in den letzten Monaten, sind ernste englisch-amerikanische Meinungsverschiedenheiten zutage getreten, aber bisher waren die Engländer der Meinung, daß die Reden amerikanischer Senatoren und selbst die Äußerungen von Dulles über China nur eine vorübergehende, durch „McCarthyismus“ beeinflußte Stimmung und Taktik widerspiegelten. Sie waren davon überzeugt, daß, wenn die amerikanische Regierung es mit einer wirklich festen britischen Opposition zu tun haben werde, Eisenhower die so lang entbehrte Führung übernehmen und Amerika zu einer vernünftigeren Politik bringen werde – worunter man natürlich die britische Politik verstand.

Daß dies die britischen Erwartungen waren, geht aus der merkwürdigen Tatsache hervor, daß der neuseeländische Außenminister Webb am 6. Juli im Parlament ankündigte, Neuseeland habe beschlossen, die sofortige Zulassung Rotchinas zur UNO zu unterstützen. Das war vermutlich mit Churchill und Eden vereinbart worden, bevor diese nach Washington gingen. Es bedeutete einen schweren Schlag für die amerikanische Position, da Neuseeland, ebenso wie Australien, Rotchina noch nicht anerkannt hat und bisher immer zusammen mit Australien gegen die Zulassung Rotchinas zu irgendeiner Organisation der UNO gestimmt hatte. Zwei Tage später aber „erweiterte“ Webb seine Erklärung in einer Art, die in Wirklichkeit einem Rückzieher gleichkam. Natürlich kann der Wandel in der Haltung Neuseelands auf australischen Druck zurückgehen, denn nach Webbs Rede erließ Premierminister Menzies eine energische Erklärung des Inhalts, daß Australien nicht an die Anerkennung Rotchinas denke. Noch niemals haben die die Regierungen von Australien und Neuseeland in einer außenpolitischen Frage gegensätzliche Standpunkte eingenommen, und der plötzliche Frontwechsel Webbs ist ein Anzeichen dafür, daß irgendwo der Draht nicht richtig funktioniert hat. Vielleicht hatten die Australier die Absicht gehabt, sich auf den Standpunkt von Webbs erster Erklärung zu stellen in der Annahme, daß Churchills und Edens Besuch in Washington die Voraussetzung für einen solchen Schritt schaffen werde. Aber die sensationelle Erklärung von Knowland und die ihr folgende eindeutige Stellungnahme Eisenhowers gegen Rotchina änderten die ganze Lage, so daß Webb sozusagen nur noch auf einem Bein stand.

Aus dem Ton der englischen Presse kann man entnehmen, daß vielleicht auch die britische Regierung ihren Standpunkt geändert hat. Obwohl die Presse die amerikanische Haltung pessimistisch und kritisch beurteilte, so hat doch nicht einmal der Manchester Guardian nach der abermaligen Ablehnung durch Amerika die Zulassung Rotchinas unbedingt gefordert. Ein weiteres Anzeichen für einen Rückzug Londons ist folgendes: nicht nur die New York Herald Tribune, sondern auch der Londoner Daily Express berichteten am Mittwoch, daß zwar Eden während der Washingtoner Gespräche auf die sofortige Zulassung Rotchinas gedrängt habe, Churchill aber in diesem Punkt von Edens Ansicht abgewichen sei, so daß die Entscheidung dem britischen Kabinett als ganzem vorbehalten bleibe.

Auf jeden Fall hat der Besuch Churchills und Edens einen großen Gewinn gebracht: in beiden Ländern kennt man jetzt die Auffassung des anderen, so unglaubhaft es sein mag, daß diese wechselseitige Kenntnis nicht längst vorhanden war. Auf der anderen Seite ist aber großer Schaden dadurch entstanden, daß die englische Regierung sich so weit in eine Richtung vorgewagt hat, aus der sie sich wieder zurückziehen muß, wenn das Bündnis erhalten bleiben soll. Offenbar wollen die Engländer und die Neuseeländer in einer so wichtigen Frage wie der Zulassung Pekings zur UNO nicht bis zum offenen Bruch mit Amerika gehen. Aber wie weit werden sich das Parlament und die öffentliche Meinung im jetzigen Augenblick mit einem Rückzug abfinden, und sei es ein noch so gut verkleideter?

Ob es zu spät ist, den Schaden wiedergutzumachen oder nicht, das wird sich in den Unterhausdebatten dieser Woche und auf der Genfer Konferenz zeigen. Die Lösung des UNO-Problems muß für die Engländer darin bestehen, daß sie die amerikanischen Bemühungen, die Frage zu vertagen, ebenso unterstützen, wie sie es im vergangenen Herbst getan haben. Bleibt noch das Problem Indochina. Doch hier wird die Überbrückung der Meinungsverschiedenheiten zwischen England und Amerika zu einem Teil von den Entscheidungen Mendes-Frances, zum anderen von Peking und Moskau abhängen. Wenn sich die Engländer verpflichtet haben, die Franzosen bei der Annahme eines Waffenstillstandes zu unterstützen, dessen Bedingungen in Washington als gefährliche Kapitulation angesehen werden, dann werden die Reibungen andauern. Christopher Emmet