V. v. Z. Passau

Genau heute vor acht Jahren kamen wir als Vertriebene nach Passau, jetzt haben wir wieder alles verloren.“ Es ist ein trüber Jahrestag für die sudetendeutsche Familie Wagner in dem Notlager in der Nikolaischule. Seit Tagen war der Fluß gestiegen, die Polizei wollte die ganze Siedlung in der Ilzstadt räumen, und letzten Donnerstag nachmittags fünf Uhr gab sie die Warnung. Aber weil das Hochwasser schon sooft ausgeblieben war, glaubten die Flüchtlinge nicht daran, sie bereiteten nichts vor. Als dann gegen Mitternacht die Welle hereinbrach, war es zu spät. In einer halben Stunde stieg die Ilz fast einen Meter, das Licht erlosch, und nur das Nötigste konnte eine Kette von Männern noch herausschaffen, von Hand zu Hand in die Finsternis hinein, irgendwohin an Land – die Kinder zuerst, eine beinamputierte Frau, ein paar Gebrechliche, dann etwas vom Hab und Gut.

Es ist eine bedrückende Stille in dem Schulbau, trotz der dreihundert Menschen. Die Bänke sind aufeinandergestapelt, Kisten und Kasten stehen herum, ein paar zusammengeraffte Habseligkeiten, manche wertvoll, andere nutzlos. Auf einer Bettstadt ohne Matratze liegt eine alte Flüchtlingsfrau, halb aufgerichtet, reglos. „Immer nur gespart und sich nichts gegönnt“, murmelt sie, „und jetzt wieder das.“ Sie ist allein, der Mann kam bei der Vertreibung um – die Pioniere mußten sie mit Gewalt vor der Flut in Sicherheit bringen. Für die Kinder allerdings ist es ein Abenteuer. Helmut, dem Vierzehnjährigen, sind zwar die Skistiefel davongeschwommen, aber seine Schwester erzählt, „alle Schulbücher san abgsoffen“, und das klingt ausgesprochen befriedigt.

Die Stadt Passau glich in den letzten Tagen einem Heerlager. Bayerische Bereitschaftspolizei, einige Hundertschaften Bundesgrenzschutz, eine Pionierabteilung mit Schlauchbooten aus Holzminden, der technische Hilfsdienst aus Nürnberg-Fürth, ein amerikanisches Bataillon. Feuerwehr, Landpolizei, Pfadfinder, selbst österreichische Gendarmerie drängten sich in dem Teil der Stadt, den Inn oder Donau nicht überfluteten. „Ohne die wäre mancher vielleicht nicht mehr am Leben“, sagte einer dankbar, „sie standen im Wasser, bis sie umfielen.“ Auf dem Domplatz waren die Amerikaner aufgefahren, sie bereiteten Trinkwasser, und aus der ganzen Stadt kamen Leute, mit Kübeln und Eimern. Die Pumpanlage war gleich zu Anfang überschwemmt, und Tankwagen reichten nicht aus für eine Stadt von 35 000 Menschen. Auch Gas gab es nicht, und das werde wohl noch drei bis vier Wochen so bleiben, meint der Leiter der Rettungsarbeiten, Rechtsanwalt Dr. Hirsch. Erst mußte das Dringendste geschehen, 2000 Obdachlose versorgt, gefährdete Häuser abgestützt, die Lebensmittelzufuhr gesichert und ein Fährdienst für jene eingerichtet werden, die in den oberen Stockwerken ausharrten.

Das sind übrigens nicht wenige. Dr. Hirsch hat das rasch in Gang gebracht, seine ruhige Sicherheit überträgt sich, und die Passauer haben Vertrauen zu ihm. Von Panikstimmung konnte keine Rede sein, eher ist man überrascht, eine so gefaßte, fast heitere Haltung zu finden.

Nicht überall ist es so gnädig abgegangen. Das wissen die Passauer. Sie haben Fuhrwerke gesehen, Pferde und Ochsen noch eingespannt, ganze Holzhäuser, die der entfesselte Im an der Eisenbahnbrücke zerschellte, und an der Isar, Ammer und Loisach, bei Naab und Regen ist es nicht anders. Tausend Quadratkilometer standen in Bayern und Österreich unter Wasser, ein Gebiet, zweimal so groß wie der Bodensee; 50 000 sind obdachlos.

Zweiunddreißig Menschen verloren das Leben. Tausende, die zu lange zögerten, wurden auf die Dächer getrieben, und mehr als 500 haben allein amerikanische Hubschrauber von dort gerettet. Mancherorts versuchten die Bauern sogar, das Vieh auf die Dächer zu retten. Wie viele Tiere verendeten, ist noch nicht zu übersehen. Auf 200 Millionen DM wird der Schaden vorläufig geschätzt, einen großen Teil davon macht die verlorene Ernte aus. Das Heu schwamm davon, Getreide liegt, selbst wo es nicht überschwemmt wurde, durch den Regen weithin wie flachgewalzt, viel Frucht ist auf den Feldern verfault. Gewaltige Holzvorräte wurden fortgespült. Hunderte von Straßen sind beschädigt, Brücken zerstört, Bahnlinien an vielen Stellen unterbrochen. Die Autobahn mündete plötzlich bei Reichenhall in einen reißenden Strom, ganze Zementblöcke hat er davongetragen.

Um mit der Bahn von München nach Passau zu gelangen, mußte man in den letzten Tagen weit umfahren über Regensburg; auch da kommt man stundenlang durch verheerte Landstriche, und in Fremden einsetzte, ist begreiflich, obwohl die Kurden letzten Tagen ist es die Donau entlang schlimmer geworden. Hie und da lag verendetes Vieh auf der Weide. Daß die Atomzertrümmerung an der Katastrophe schuld sei, davon sind viele überzeugt. Aber die Meteorologen sagen, der „Kaltlufttropfen“ war es, der weithin auslandend als Tief von Grönland über Frankreich zum Mittelmeer zog, und weiter nach Ungarn und Polen, darüber warme Luft aus Ägypten und Rußland. Das ergibt immer Regen; aber weil die Kaltluft besonders kalt und der Südwind langsam war, wurde eine Sintflut daraus. In manchen Alpentälern fielen in 24 Stunden über 200 Liter auf den Quadratmeter, und auf den Bergen lag hoher Schnee wie lange nicht im Juli – dreieinhalb Meter waren es auf der Zugspitze. Kein Wunder, daß die Flüsse schwollen. 12,20 Meter war der Pegelstand der Donau am Sonnabend bei Passau, einen halben Meter höher, als bei der großen Katastrophe 1862. Man muß Jahrhunderte, vielleicht zum Jahr 1501 zurückgehen, um ähnliches zu finden.

Es war ein Elementarereignis, das menschliche Macht kaum abwenden konnte, stellte Regierungsdirektor Bergler von der obersten Baubehörde in München fest. Man sollte in Zukunft dafür sorgen, daß man genügend Sandsäcke in Reserve hat. Sie aus Mannheim und Hamburg herbeizuholen, ist ein wenig weit. Und dann wäre es wichtig, große Wasserspeicher an den Oberläufen auszubauen, den Sylvensteiner zum Beispiel, der, wenn er fertig ist, die Isar und dadurch vielleicht ein wenig sogar die Donau entlasten wird. Ähnliches ist beim Inn zu fordern. Und noch eine Lehre ist zu ziehen: Es geht nicht an, daß man neue Siedler auf tiefes Land setzt, das „billig“, aber vom Hochwasser gefährdet ist. Viel Schaden wäre vermieden worden, hätte man die Warnungen der Baubehörde beachtet.

Man ist dankbar in Bayern für die Hilfe, die von allen Seiten kam. Daß eine Massenflucht der orte kaum betroffen waren. Jetzt, da die Sonne wieder scheint und das trockene Land allmählich zutage tritt, wünscht man sich, möglichst viele möchten zurückkehren.

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Im Südteil der Sowjetzone hat das Hochwasser besonders in den Gebieten um Leipzig, Dessau und Zeitz Schäden angerichtet. – In Österreich lagert das Katastrophenzentrum im Inn-Donaugebiet.

Die Städte Braunau, Schärding und Ried wurden überschwemmt. Die Straßen der Städte im Innkreis waren schäumende Wildbäche, in denen die Rettungsmannschaften sich mühsam vorwärts arbeiteten. Die Ernten ganzer Bezirke wurden von den Fluten vernichtet. Unermeßlich ist allein der Schaden, der an den Donau-Kraftwerken angerichtet wurde. So konnte das Kraftwerk Jochenstein nur durch Sprengung eines Staudammes vor gänzlicher Vernichtung bewahrt werden.

Daß dieser Katastrophensommer auf einen Katastrophenwinter folgt, dessen Lawinen so viele Menschenopfer forderten und ungeheure Schäden bewirkten, trifft das Land doppelt.