In einer Mailänder Wochenschrift erschien kurz nach einem der letzten Zusammentreffen der vier Mächte der Welt e<n Spottbild. Man erblickte darauf den russischen Staatslenker Malenkow mit dem wulstigen Gesicht eines Bauern mit einer Schweinsnase, wie wir ihn aus den Erzählungen Gogols kennen, und so fettleibig, als hätte er die ganze Erde seines mächtigen Reiches verzehrt "Das willkommene Ergebnis der Verhandlungen, erklärte er auf dem Bilde seinem ordenbehängten General, "besteht darin, daß der Westen Zeit verloren hat, wir aber haben Zeit gewonnen " Man muß mit den Beziehungen des Ostens zum Wesen der Zeit und ihrer Vergänglichkeit vertraut sein, um diesen Ausspruch gleichgültig, ob er gesagt oder erdacht wurde, recht zu verstehen. Denn Zeitgewinn bedeutet in diesem Falle mehr als Kriegslist. Dem Manne, der hier berichtet, wurde dafür zu Beginn des Jahrhunderts, als er sich von London über Berlin nach Könstantinopel und weiter in das Innere Asiens begab, eine unvergeßliche Kunde zuteil. In London hatte er bei seiner Abfahrt den dumpfenTon der Westminsterglocke vernommen. Je mehr der Reisende sich der Mitte des Abendlandes näherte, vervielfältigte sich das Schlagen der Uhren, die unaufhörlich das Verrinnen der Zeit anzeigten. B is in die Gebirgsdörfer hinein riefen die Kirchturmuhren ihm zu: "Eile dich! Zeit ist Geld. Bist du nicht tätig, wirst du nicht leben und nichts hinterlassen als Staub!" An das Fenster des kleinen fahrenden Raumes gebannt, bemerkte er, daß in den Städten, ihren zeitmessenden Uhren getreu, alle Menschen auf den Straßen wie in einem Wettlauf begriffen waren. Je mehr er sich in dem rasch gleitenden Zuge dem Süden und Osten des Abendlandes näherte, um so mehr nahmen jedoch das Schlagen der Uhren und die geschäftige Eile auf den Straßen ab, bis ihn auf dem Balkan tiefe Stille umfing. Am vierten Tage, während er mittags durch die Stadt Konstantinopel lief, ließ ihn an einer Straßenecke ein seltsamer Schall aufhorchen. Von dem Söller eines Gebetsturms drang eine Glocke an sein Ohr, die nicht mehr aus Erz, sondern aus dem Fleisch eines menschlichen Mundes gebildet war und in deren winziger Höhle sich als Klöppel die Zunge bewegte. Sie trieb die Menschen nicht mehr zur Eile an, "Herbei zum Gebet! Gott ist groß!" rief sie "Es gibt keinen Gott außer ihm!" Betroffen und zugleich beglückt wurde der Bote des Westens sich bewußt, wie sehr die Zeit sich verwandelt hatte. Denn diese Glocke zeigte nicht mehr die vergängliche Stunde, sondern mit hoffnungsvollem Klange die Ewigkeit an. Sie mahnte ihn, ein Bad aufzusuchen, der Muße zu pflegen, sich zu waschen und gleich darauf in ein Bethaus zu gehen "Ruhe dich aus! Langsam!" sagte sie "Die Eile ist des Teufels. Ergib dich in dein Schicksal, so kannst du schon hier die Ewigkeit gewinnen. Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod!" Der Vorgeschmack des Paradieses Seit der Fremde aus dem Westen diese Botschaft gottesfürchtiger Völker an die Welt nicht durch Worte, sondern durch das Beispiel ihres Lebens erfahren hatte, ging mit dem Morgenlande eine Wandlung vor sich. Um seiner Freiheit und Erhaltung willen eignete es sich Werkzeuge, Waffen und Einrichtungen des Abendlandes an und vergewaltigte damit sich selbst. Denn westliche und östliche Arbeit und Gesittung widersprechen einander durch das von ihnen verwendete Zeitmaß des Lebens. Durch den Einbruch der abendländischen Rastlosigkeit wurde das morgenländische Reich von Marokko bis Mexiko in Unruhe versetzt. Als Ende der zwanziger Jahre blutige Auf stände in Jerusalem gegen seine jüdischen Bewohner ausbrachen, erklärte der arabische Bürgermeister der Stadt, den Schlauch seiner Wasserpfeife lüftend, dem westlichen Zeugen dieser Geschehnisse: "Wir hassen die frommen Juden nicht. Ihr gottergebenes Wesen ist dem unsern verwandt, Seit Jahrhunderten ist ihnen nichts durch uns zugestoßen. Unerträglich dagegen sind uns ihre Siedler und Arbeiter, denn sie sind die Vertreter des Westens mit seiner Eile und Hast. Schon wie ihre mageren Gestalten auf der Hauptstraße unserer Stadt daherkommen, von Ungeduld und Arbeitsbegierde zitternd erfüllt uns mit Abscheu Der Bürgermeister sog an seiner Pfeife und das Wasser in der geschliffenen Flasche brodelte stärker: Wir sind ein Volk der Beschaulichkeit und der Träume. Aus diesen Träumen hat der Westen uns aufgeschreckt. Veimag auch nur einer von euch zu verstehen, welche sinnvolle Versenkung im Rauchen °iner Wasserpfeife liegt, deren Genuß für uns den Vorgeschmack des Paradieses bedeutet?" Aber nicht nur bei der Arbeit, auch beim Spiel ist jeder Wettbewerb der Menschen, einander an Schnelligkeit zu übertreffe: dem Osten von Hause aus fremd. Als der Schah von Persien in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Paris an einem Pferderennen teilnahm, schaute er ihm, von der Begeisterung der Menge unberührt, zu "Ich verstehe nicht", sagte er, "was die Europäer daran finden. Es ist doch gleichgültig, ob ein Pferd früher ankommt als das andere " Aus Mexiko erzählt man sich die Geschichte eines Bauern, auf dessen Grundstück eine Ölquelle entdeckt wurde. Eine ölgesellschaft bot ihm eine hohe Summe für einen Teil seines Bodens an "Dieses Land verkaufe ich nicht", erwiderte der Indianer "Hier haben mein Vater, mein Großvater, mein Urgroßvater gelebt. Was würden die Geister meiner Ahnen sagen, wollte ich sie verlassen?" — "Aber wenn du dieses Stück Land verkaufst", rieten ihm die Vertreter der ölgesellschaft, "kannst du dir ein Automobil kaufen, um auf den Markt der Hauptstadt zu fahren, statt viele Stunden dahin zu Fuß zu wandern — "Um mit einem solchen Wagen zu fahren, habe ich keine Zeit", erwiderte unbeirrt der Bauer "Wenn ich zu Fuß gehe, kann ich auf den Äckern das Korn beobachten. Ich nehme eine Ähre in die Hand und zerpflücke sie; so sehe ich, wie das Getreide gewachsen ist. Unterwegs spreche ich mit den Leuten, um mir ein Bild von ihrem Leben und ihren Geschäften zu machen. Das alles ginge mir verloren, wollte ich im Eilwagen vorüberfahren Ein anderer Bauer Mexikos, den seine Nachbarn in einem solchen Wagen mitgenommen hatten, ließ jene nach halbstündiger Fahrt anhalten: "Wartet einen Augenblick" sagte er, sich unter T meine Seele ist nicht mit mir gekommen. Kürzlich begegnete der Geschäftsträger einer fremden Botschaft in Rußland einem" Arzte, der mehrere Jahre bei der Besatzung in Berlin tätig gewesen war. Trotz der kälteren Luft sind die Lebensbedingungen Rußlands denen des Morgenlandes verwandt. Weite Erd- und Steppenräume, unabsehbare Schneewüsten schreiben ihm ein ähnliches Zeitmaß vor. Das Wort "sofort" bedeutet auch hier wie überall im Osten "in zwei Tagen", "in einer Woche" oder "niemals", und das Land liegt nicht nur zu seinem größeren Teile in Asien, sondern bildet heute seine Vormacht "Wie gefiel Ihnen die deutsche Hauptstadt?" fragte der fremde Geschäftsträger den russischen Arzt "Ich war enttäuscht", erklärte dieser, ein einfacher Bürger, der vorher nie ein anderes Land gesehen hatte "Mir fiele es schwer, in einer Stadt zu bleiben, in der die Leute gleichzeitig in drei Stockwerken leben! In der Mitte des Hauses, bald kleiner, bald geräumiger, liegt ihre Wohnung. Aber darüber haben sie unter dem Dach einen Boden; da heben sie auf, was sich an Kindermöbeln, Spielsache, Betten von ihren Großeltern oder von eigenen alten Kleidern erhalten hat — ihre ganze Vergangenheit bewahren sie dort. Unter sich aber haben sie einen Keller; da sind Kohlen, Holz, Kartoffeln aufgeschichtet, Obst und eingemachte Früchte findet man oder Kisten voll Weinflaschen — ihre ganze Zukunft Hegt dort auf Lager. Stets schleppen sie ihre Vergangenheit und Zukunft mit sich. Wann leben sie in der Gegenwart?" Treppe und Mosaik Daß die hier berichteten Eigenheiten östlicher Menschen nur winzige Züge sind, darf uns nicht darüber täuschen, daß auch der Gesichtsausdruck ganzer Völker wie das Antlitz einzelner Menschen sich aus Dolchen Strichen und Fältchen zusammensetzt. Die Bemerkung des russischen Arztes kann geradezu als Sinnbild des westlichen Menschen gelten. Auch daß sich der Arzt auf die Gegenwart beruft, widerspricht dem nicht; für ihn ist sie die durch die Muße verlängerte Zeit. Trotz seines Alters ist der Bewohner des Ostens kein Mensch bewußter Überlieferung. Hier scheiden sich Östliches und westlichesDenken. Denn der Morgenländer ist ein besinnlicher, zur Ruhe neigender, der Abendländer ein geschichtlich tätiger Mensch, der die Vergangenheit in die Zukunft fortführt. Schon für den Italiener heißt es am Anfang der Bibel: "Sia luce! Es sei Licht!", während Luther die gleichen Worte übersetzt: "Es werde Licht!" Hier offenbart sich der Widerspruch von Ost und West in einem Satz der Schöpfungsgeschichte. Der werdende Mensch, weil er jung ist, fragt sich stets: woher und wohin? Er steht unter dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Taten und ihre Folgen bilden die Stufen einer ununterbrochenen Treppe der Entwicklung bei ihm.

Die Seele des Seienden dagegen läßt ia uns den Eindruck einer Fläche willkürlich nebeneinandergefügter Steine zurück, Erst bei näherem Zusehen erkennen wir, daß sie ein Mosaik bilden, in dem die Ruhe und Tiefe des Sternenhimmels waltet. So liegen in der Östlichen Seele Gutes und Böses, Milde, Anmut, Zorn, Blutdurst und Grausamkeit ohne Übergang nebeneinander. Dostojewski spricht an einer Stelle seiner Schriften von einem russischen Bauern, der über das Feld geht.

Drei Möglichkeiten, sagt lägen gleichzeitig in er, seiner Seele: er könne eine nützliche Arbeit verrichten, eine Kirche betreten, um zu beten, oder einen Mord verüben. Während man bei ihm nie mit Gewißheit voraussehen kann, welche der drei Möglichkeiten in dieser ebenso reichen wie gefährdeten Seele in Erfüllung gehen, kann man bei dem Menschen des Westens und seiner folgerichtigen Denkungsart mif ziemlicher Bestimmtheit auf die Handlungen schließen, die er im gegebenen Falle vollführen wird.

Ein Irrtum wäre es jedoch, aus der Neigung des Asiaten zur Muße und Selbstversenkung zu folgern, daß der Europäer mit seinem Tatendrang keine Beziehung zur Ewigkeit habe. Sie offenbart sich ihm nur in anderer Weise. Wer aus der Zeit wirkt, ist gezwungen, dem Wechsel der Gestirne folgend, jeden Augenblick mit Leben zu erfüllen, um ihn festzuhalten. Dem Menschen des Abendlandes wird deshalb die Tat, mit der er dem Augenblick allein Tiefe und Dauer zu verleihen vetmag, zur eigentlichen Aufgabe. Durch die schöpferische Kraft der Seele vermag der faustische Mensch dem Augenblick verschiedenes Gewicht zu verleihen. Darum muß er höchsten Atemzug immer wieder in der ihn erfüllenden Tat, der Lust des Schaffens oder dem Opfer des Todes suchen. Nur so vermag er, wie sich auf der Spitze hoher Berge in einem umfassenden Blick dir Welt auftut, Fülle und Seligkeit der Ewigkeit, in einem Herzschlag gesammelt, zu empfinden. In solchem Verlangen tut sich der tiefe Sinn des wohl nie zu lösenden Gegensatzes von Augenblick und Ewigkeit auf. Im Weltalter künstlich verlängerter Gliedmaßen und Sinne, wo der Mensch zum Werkzeug von ihm selbst erfundener Ungetüme und Einrichtungen wird, sehen sich beide gefährdet. Die sich in ihrer Eile überschlagende Zeit beraubt nicht nur die Muße, sondern auch den Augenblick der Gnade. Sie zerstört den Traum ebenso wie die Freiheit: sie zerbricht die Ewigkeit. Aber der morgenländische wie der abendländische Mensch können sich nicht völlig der angeborenen Art entein Komödiant sei durch einen Berufsunfall ums Leben gekommen — das geschah des öfteren, Seiltänzer stürzten ab, Feuerfresser verbrannten sich, und solch unehrlicher Leute einer mehr, einer weniger, was machte das schon aus? So weit nun gut und schön, doch als der einäugige Latwergenhändler, ein Mann, der auf seine Weise auf Sitte und Herkommen hielt, den zuständigen Pfarrer auf das höflichste bat, und dabei vernehmlich mit den Geldstücken im Hosensack klimperte, ein Begräbnis vorzubereiten für den Verunglückten, lehnte der geistliche Herr das mit vielen bedauernden Reden ab, auf seine oberhirtlichen Vorschriften hinweisend, die es ihm nicht erlaubten, Fahrende mit den kirchlichen Segnungen versehen auf einem geweihten Fnedhof zu bestatten. Er saufzte, als er das sagte, vielleicht noch das Klimpern im Ohr, und der Latwergenhändler rückte an seiner schwarzen Binde und verbeugte sich und ging.

Nun hatte vor kurzem erst das fortschrittlich gesinnte Parlament eine Verordnung erlassen, deräußern, unter deren Gesetz sie stehen. Daran sollten wir uns erinnern, wenn bei jeder Begegnung zwischen den Mächten des Westens und Ostens, die heute unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, der eine Gegner voll Ungeduld zur Entscheidung drängt, der andere in behaglicher Schlauheit das Gespräch in die Länge zieht. Vergessen wir nicht, daß ein Ausläufer der chinesischen Mauer als "Tartarenmauer" seit Jahrhunderten den Kera Moskaus umschließt! Heute läuft diese Mauer durch das Herz der deutschen Hauptstadt. Zeit und Ewigkeit bekämpfen einander an dieser Stelle durch die Völker zweier Hälften der Erde. Und wenn auch die Zeit sich aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammensetzt, die Ewigkeit aus Augenblicken, so scheint es, daß beide nie ineinander aufgehen können.

hört hatte, mit einem Polizeibüttel kam er, und ließ den Salzdieb auf der Wache festsetzen — um den so königlich behandelten Toten kümmerte er sich nicht, das fiel nicht in seinen Amtsbereich! Zwar kratzten jetzt die Schauspieler ihr Geld zusammen, eine Sicherheit für den Gefangenen Zu stellen, und man gab ihm auch bald die Freiheit wieder, bis der Stadtrichter sein Urteil gefällt haben würde. Nun hatten die fahrenden Leute einen zweiten Prozeß auf dem Hals, und ihrem Oberhaupt, dem Latwergenhändler, gefiel das gar nicht, und er sah Unheil kommen mit seinem noch sehenden linken Auge, ein erfahrener Fuchs, der er war.

Er rückte an seiner schwarzen Binde, wie immer, wenn es einen Entschluß zu fassen galt, und dann ordnete er an, zu tun, was oft schon in Bedrängnissen ihre Rettung in letzter Stunde gewesen war, sich heimlich und bei Nacht und Nebel und mit Sack und Pack davonzumachen, von den Füßen den Staub schüttelnd der ungastlichen und grausamen Stadt. Den Harlekin ließen sie zuriidt, und 1