Vor einigen Jahren starb an einem Krebsleiden in Mexiko-CityFranz Pfemfert, der frühere Herausgeber der Berliner Zeitschrift „Aktion“, die aus der Geschichte des Expressionismus ebenso wie der des deutschen politischen Linksradikalismus in den Jahren von 1910 bis 1933 nicht wegzudenken ist.

Pfemfert ist in der Emigration nirgend heimisch geworden; überall blieb er ein fremder Gast. Nach 1933 schlug er sich zunächst in Karlsbad als Photograph durch. Der tschechische Photographenverband sträubte sich heftig gegen seine Niederlassung, und der kleinliche Streit wurde schließlich durch eine Intervention des Staatspräsidenten Masaryk, eines früheren Mitarbeiters der „Aktion“, zugunsten Pfemferts entschieden. Später wurde Pfemfert sogar tschechischer Staatsbürger, allerdings nur für kurze Zeit. Die Angliederung des Sudetenlandes trieb ihn mittellos nach Paris, von wo aus er später nach Südfrankreich flüchtete und dann schließlich über New York nach Mexiko gelangte, wo er wiederum von neuem als Photograph begann.

Die Tragödie Pfemferts lag darin, daß seine persönlichen Ressentiments stärker waren als politische Überlegungen. Er lebte in der Vergangenheit und löste sich nie von Berlin-Wilmersdorf, dem engen Schauplatz der Aktionsjahre. Sein mit den Jahren noch zunehmender Haß gegenüber Deutschland isolierte ihn mehr und mehr von seinen Bekannten. Diese Situation unterband auch jeden Kontakt mit dem Menschen, der ihm jahrelang, noch von Rosa Luxemburgs Zeiten her, politisch am nächsten gestanden hatte: dem als Marx-Biographen bekannten Otto Rühle, der ebenfalls in Mexiko lebte. Eine Jahrzehnte zurückliegende Wilmersdorfer Diskussion über Individualpsychologie wurde auch in Mexiko noch als Trennungsstrich konserviert. Erst bei dem jetzt zehn Jahre zurückliegenden Tod Otto Rühles hielt Pfemfert, für einige Stunden aus seinem Wilmersdorfer Schattenreich hervortretend, eine der Grabreden auf den Verstorbenen.

Der Tod Rühles wurde übrigens zu einer der zahlreichen stillen Emigrantentragödien: wenige Sekunden nach seinem Hinscheiden sprang Rühles Gattin, die Prager Schriftstellerin Alice Rühle-Gerstel, vom Balkon des Sterbezimmers und blieb mit zerschmettertem Kopf auf der Straße liegen. Beide wurden zusammen eingeäschert.

Die Vereinsamung, in die Franz Pfemfert gegen Ende seines Lebens. geraten war, sprach aus einer Anzeige, die er in einer New Yorker Zeitschrift veröffentlichte und in der er den Tod seines Katers mitteilte. Sie schloß mit der Bemerkung: „Er war der einzige Freund, den wir in Mexiko hatten ...“

O.Sch.