v. Z. Bayrischzell

Ein froher Mensch in seinen besten Jahren. Er wurde weggeputzt von dieser Welt. Man fand ihn erst am sechsten Tage, im hohen Wildalpjoch am Sudelfeld. „Hier ruht unser lieber Hartl Hörmannsdorfer, welcher am 30. Juli 1948 im Alter von vierzig Jahren von einem feigen Jäger beim Wildern erschossen wurde!“ Das ist der Grabstein auf dem Kirchhof in Bayrischzell, den man gern den Fremden zeigt. Jetzt allerdings hat das Amtsgericht auf Klage des Forstwarts aus Brannenburg entschieden, die Inschrift beleidige den Jägerstand und hat angeordnet, der Vers und das Wort „feige“ seien zu entfernen.

Wer Hartl Hörmannsdorfer war, weiß jedes Kind in Bayrischzell. „Ein schneidiger Bursch“, sagen sie – daß er wilderte, tat seinem Ansehen keinen Abbruch, das war hierzulande, besonders in der Besatzungszeit, als nur Amerikaner jagen durften, ein Kavaliersdelikt. So gab es fast eine Volksempörung, als Hartl eines Tages, auf frischer Tat ertappt, von jenem Forstwart erschossen wurde, der ihn liegen ließ, weil er meinte, der Schuß habe gefehlt. Sechs Tage suchten die Bayrischzeller, bis sie die Leiche fanden. Das Begräbnis wurde zur größten Trauerfeier des Dorfes seit Menschengedenken, die Kapelle spielte das Wildererlied „Ich schieß den Hirsch im wilden Forst.“ Die Schützen aus der ganzen Umgebung gaben ihrem Kameraden das letzte Geleit. Von den Bergen hallten die Böller wider, wie früher bei der Geburt eines königlichen Prinzen. Selbst Tiroler Wilderer kamen schwarz über die Grenze und wer immer konnte, trug den Brannenburger Jägern zum Hohn frische Gamsbärte am Hut, die von gewilderten Gemsen stammten. Viele drohten, sie würden den Hartl rächen.

Inzwischen sind sechs Jahre ins Land gegangen und der Zorn ist verraucht. Es ist ganz gut, daß der Stein wegkommt, sagen die Leute, wenigstens auf dem Friedhof muß endlich Friede sein. Ein Volksheld aber wird der Hartl bleiben, daran kann kein Gericht und keine Obrigkeit etwas ändern, denn in den Augen der einfachen Menschen hat er das Urrecht des freien Mannes geübt, und dafür den höchsten Preis gezahlt.