Eine an drolligen Einfällen und griesgrämigen Bemerkungen über industrielle Vorgänge reich gesegnete Zeitung in Essen hat sich offensichtlich über die Vorsitzerwahlen bei der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie maßlos geärgert. Da aber gerade in diesem Bereich der Industrie stets Einsicht und Leistung die Kilometersteine des Weges zum Aufstieg sind und keine verworrenen und intriganten „Erbfolgekriege“ stattzufinden pflegen, wie in Lagern mit politischen Ambitionen, muß wohl die Phantasie ersetzen, was an Facts fehlt...

Unter der Überschrift: „Stahlindustrie schafft Erbfolge an der Ruhr – Konzerngewaltige bilden Neunerkreis – Gewerkschaften gegen neuen Machtmißbrauch“ werden Einzelheiten aus der jüngsten Wahl von Dr. Schroeder (Klöckner) und Bergassessor Sohl (August-Thyssen-Hütte) zu Vorsitzenden der Wirtschaftsvereinigung verzerrt dargestellt und kommentiert. Schon aus der Überschrift sind die Informanden zu erkennen; sie sitzen offensichtlich in Düsseldorf in der Stromstraße, der Zentrale des DGB, oder in der Pionierstraße bei der IG Metall.

Das Blatt behauptet, daß die Neuwahl der Vorsitzenden der Wirtschaftsvereinigung eine industrielle Erbfolge und eine neue Machtkonzentration an der Ruhr herstellen soll, weil schon jetzt beschlossen wurde, nach der zweijährigen Amtsperiode von Dr. Schroeder (als Vorsitzer) Bergassessor Sohl, den jetzigen zweiten Vorsitzer, zu dessen Nachfolger zu machen, also sozusagen die beiden Persönlichkeiten in ihren Ämtern auszutauschen. In dieser durchaus vernünftigen Regelung sieht das Blatt als Sprecher der Gewerkschaften eine „jeder demokratischen Wahlordnung widersprechende Berufung“ und „den Wiederaufstieg der ehemaligen Konzerngewaltigen“. Zugleich wird von der Bildung eines Neunerkreises gesprochen, der eine Alleinherschaft in der deutschen Montanindustrie anstrebe.

Was hier behauptet wird, ist so einfältig, daß man die Geduld der Rotationsmaschinen bewundern muß. In jedem Wirtschaftszweig gibt es Spitzengremier. Eine der jüngsten Konzentrationen ist zum Beispiel die Interessenvereinigung der Gemeinschaftsbanken e. V., also der Gewerkschaftsbanken, deren publizierte Aufgabe es ist, „mehr Macht im Bankgewerbe, mehr Macht in der Geld- und Bankpolitik zu gewinnen“. Niemand hat jemals gegen diese Gründung etwas einzuwenden gehabt, in deren Spitze die fähigsten Banker des gewerkschaftlichen Finanzwesens sitzen.

Wenn von Zusammenschlüssen an der Ruhr in personeller Hinsicht gesprochen werden sollte, dann doch wohl von dem Arbeitskreis der Arbeits-, direkteren, die sich in einem sogenannten „Böckler-Ausschuß“ konzentriert und ganz klare Aufgaben gestellt haben. Aber auch gegen diesen Zusammenschluß ist von vernünftigen Menschen niemals ein böses Wort gesagt worden. Wir sind immer für einen Zusammenschluß der Tüchtigen, da nur sie eine Gesamtentwicklung vorwärtstreiben.

Und wenn von dem Blatt behauptet wird, daß das in der Wirtschaftsvereinigung gefundene Gentlemen-Agreement jeder demokratischen Wahlordnung widerspreche, so sind wir genau der umgekehrten Auffassung. In der Stahlindustrie haben sich zwei starke Gruppen gebildet, von denen die eine gern Herrn Schroeder, die andere Herrn Sohl als Vorsitzenden gesehen hätte. Man fand den vernünftigsten der demokratischen Wege und sprach einen Austausch nach zwei Jahren ab, genau so wie zum Beispiel auf dem Oberbürgermeisterposten von Köln die Mehrheitspartei CDU mit der zweitgrößten Partei SPD einen in der Nachkriegszeit vorzüglich funktionierenden Wechsel ihrer beiden Repräsentanten vorgenommen hat. Daß bei einer solchen Regelung zugleich eine langfristige Verbandsführung herauskommt, darin sehen wir einen weiteren motorischen Antrieb und eine gute Lösung.

Wenn bei den Gewerkschaften aus Gründen des Personalmangels keine ähnlich glücklichen Lösungen auf der Tagesordnung stehen, so verdienen sie unser ehrliches Bedauern. Die Zeiten, in denen ein Hans Böckler seinen Erbfolger noch zu Lebzeiten bestimmte und dieser auch „gewählt“ wurde, sind vorüber. Das eigene Unvermögen aber sollte nicht der Anlaß zu gehässigen Bemerkungen sein. W.-O. Reichelt