Ob Amerika in Südostasien doch noch eingreifen wird, ist fraglich, wer aber in einem solchen oder ähnlichen Fall zum Oberkommandierenden prädestiniert wäre, steht fest: General James A. Van Fleet, früher Chef der amerikanischen Militärmission in Griechenland, später Oberkommandierender an der koreanischen Front, soeben als Sonderbotschafter Eisenhowers von einer zehnwöchigen Spezialmission im Fernen Osten zurückgekehrt.

Eisenhower konnte kaum einen geeigneteren Mann für eine solche fact finding mission wählen, als diesen alten Waffenkameraden, der den engen Zusammenhang zwischen politischen und militärischen Problemen besser kennt als die meisten Generale, und der es versteht, unter den schwierigsten Umständen „Armeen aus dem Boden zu stampfen“.

Was den Franzosen in Indochina nie wirklich gelungen ist, hat Van Fleet in Korea fertiggebracht: die Aufstellung einer südkoreanischen Armee, die heute zweifellos zu den besten in ganz Asien gehört. Dazu bedurfte es nicht nur jener typisch amerikanischen Fähigkeit, in einer gegebenen Situation mit einer konkreten Aufgabe fertig zu werden, auch wenn sie abstrakt betrachtet und nach traditionellen Begriffen unmöglich erscheint, sondern dazu waren auch beträchtliche politische, pädagogische und psychologische Gaben erforderlich. Schlagkräftige Armeen sind vor allem in Asien nicht mit Quislings und Marionetten zu schaffen, und nationale Führer, die beides nicht sind (dafür aber zuverlässig antikommunistisch), sind von Natur aus keine gefügigen Partner.

Van Fleet hat sich auf diese Aufgabe gleich nach dem Krieg in Griechenland gut Vorbereiten können. Eine tapfere Armee, mit frischen glorreichen Erinnerungen war in eine moderne, technisierte Truppe umzuformen, und gleichzeitig war ein blutiger, aufreibender Bürgerkrieg zu bestehen. Genau wie später in Korea lagen in Griechenland die Versorgungsbasen und Kraftquellen des Gegners unerreichbar im Ausland. Van Fleet sah sofort, daß seine Aufgabe nur mit einem starken Partner zu bewältigen war. General Papagos, der ruhmreiche Oberbefehlshaber aus der Zeit des Abwehrkampfes gegen die Italiener, saß im Schmollwinkel. Er hatte sehr eindeutige Ansichten: über die militärische wie die politische Seite des Kampfes. Van Fleet setzte seine Berufung gegen den Widerstand nicht nur der griechischen Regierung und des Hofes, sondern auch der amerikanischen diplomatischen Vertretung durch, die alle einen weniger eigenwilligen Mann vorgezogen hätten. Aber die Wahl bewährte sich. Der Marschall ist heute nicht nur der militärische, sondern der politische Führer seines Landes, und Griechenland ein wehrhaftes Staatswesen in Europa.

In Korea aber erwarteten Van Fleet noch größere Probleme. Der Oberbefehlshaber brauchte und konnte sich den Partner nicht aussuchen. Syngman Rhee, der grand old man des koreanischen Freiheitskampfes war da, unbezweifelbar und unbeeinflußbar, starrsinnig und unnachgiebig. Es galt, mit ihm auszukommen, mit ihm und für ihn eine koreanische Armee aufzubauen. Wie gut Van Fleet auch diese Aufgabe gelöst hat, geht daraus hervor, daß der eifersüchtige alte Mann in Seoul zu wiederholten Malen erklärte, nichts sei ihm lieber, als Van Fleet zum Oberkommandierenden seiner Armee zu ernennen. „Sieg unter Van Fleet, Friede am Yalu und ein geeintes Vaterland“ wurde ein patriotisches Schlagwort in Korea, wo Van Fleet als Sonderbotschafter Eisenhowers soeben wieder mit großer Begeisterung empfangen worden ist.

Für Van Fleet und seine Frau verbinden sich schmerzliche Erinnerungen mit Korea: ihr einziger Sohn, Berufsoffizier wie der Vater, ist dort gefallen. Ohne Zweifel hat sich der General nach seiner Pensionierung entschlossen, nie mehr eine militärische Mission anzunehmen, die aus politischen Gründen in einer Weise begrenzt wird, daß ihr militärischer Erfolg in Frage gestellt ist. Wie sehr viele amerikanische Offiziere war er von der Richtigkeit der MacArthurschen Theorie überzeugt. Er hat die größte Verehrung für General MacArthur, hielt es als alter Offizier aber nicht für seine Aufgabe, seinen militärischen Standpunkt auch politisch durchzukämpfen. Er hat, wenn er gefragt wurde, nie mit seiner Meinung zurückgehalten, selbst wenn sie seinen militärischen und politischen Vorgesetzten unangenehm war. Vor einem Untersuchungsausschuß des Kongresses äußerte sich Van Fleet rückhaltlos über Umfang und Ursachen des zeitweise katastrophalen Munitionsmangels bei seiner Truppe, obwohl das keineswegs nur die politische – damals demokratische – Führung betraf, sondern seine Vorgesetzten im Pentagon. Seiner Meinung nach hätten leicht viermal mehr koreanische Divisionen aufgestellt werden können, als das Pentagon und sein unmittelbarer Vorgesetzter in Tokio, General Ridgway, bewilligt hatten. Sehr gegen Van Fleets Willen spielte ein Brief, den er darüber seiner Frau geschrieben hatte, eine große Rolle im Kampf um diePräsidentschaftswahl und trug wahrscheinlich mit dazu bei, Eisenhower durchzubringen. „Van würde alle Nachteile in Kauf nehmen. wenn es Ike hilft“, meinte seine Frau, als sie sich schließlich zur Veröffentlichung dieses Briefes entschloß.

Van Fleet ging aus allen Auseinandersetzungen mit gestärktem Prestige hervor. Es gibt heute keinen hohen Militär in Amerika, der ein so allgemeines Vertrauen genießt – von den ausgesprochenen Antikommunisten, den nationalistischen und potentiell isolationistischen Kreisen des Mittleren Westens, aus denen sich MacArthurs Gefolgschaft rekrutiert, bis zu den für die internationale Rolle Amerikas aufgeschlossenen Republikanern, die Eisenhowers Wahl durchsetzten, und sogar bis weit in die Reihen der Demokratischen Partei hinein. Van Fleet verstand es, ohne Rücksicht auf seine Popularität, kompromißlos den Standpunkt zu vertreten, den er sachlich für richtig hielt, ohne je verletzend zu wirken. Auch der Versuchung, sich für politische Ämter, beispielsweise für das des Gouverneurs von Florida, „anwerben“ zu lassen, widerstand er.