Es wird viel die Geschichte von der jungen Dame und dem Bauunternehmer erzählt, der ihr ein Haus verkaufen wollte. „Ein Eigenheim?“, fragte sie, „wozu brauche ich ein Heim? Ich wurde in einem Krankenhaus geboren, in einem College erzogen, in einem Auto geküßt und verheiratet in einer Kirche. Ich verbringe meinen Tag im Büro und meine Abende im Kino, im Theater oder in Vortragssälen. Alles, was ich brauche, ist eine Garage.“ Um die heutigen Nomadenmenschen wieder seßhaft zu machen, bemühen sich Bauunternehmer und Architekten in vielen Ländern darum, auch Großstädte aus geschlossenen kleinen Bausiedlungen zusammenzusetzen, in denen im idealen Fall etwa 5000 beieinander leben. Sie sollen eine wohnungsmäßige und kulturelle Einheit bilden; es mögen zwei oder drei Wohnhochhäuser mit Geschäften in einer Parklandschaft oder Eigenheime und Reihensiedlungen mit einzelnen Gärten und einem Kulturzentrum (Schule, Kirche, Krankenhaus) sein, die den Menschen wieder ein Gefühl für Nachbarschaft geben. Wie wir wohnen, wird entscheidend dafür sein, ob der Prozeß der Entfremdung und der Verfall der Gesellschaft aufzuhalten ist.

Wenn auch die durch die Bodenspekulation entstandenen Wohnhinterhöfe beim Wiederaufbau deutscher Städte verschwunden sind, so entstanden leider durch die Eile, Phantasielosigkeit und falsche Sparsamkeit jene Nachkriegseinheitshäuser im Kasernenstil, die durch besondere Häßlichkeit auffallen und weder dem Bedürfnis der Bewohner noch der Betrachter entsprechen und die Slums der Zukunft genannt werden. Der Architekt Dr. Ernst May, der vor den Studenten der Hamburger Landeskunstschule zu dem Thema „Der heutige Mensch und seine Wohnung“ sprach, beklagte den toten Schematismus, der die Phantasie einengt und nur noch vereinzelte überdurchschnittliche Leistungen zustande kommen lasse. Er schlug eine weitherzige Revision des übersteigerten Normenzwanges und der baupolizeilichen Verordnungen vor, um weitsichtige und schöpferische Taten im Wohnungsbau überhaupt zu ermöglichen. Die Nachwelt jedoch wird wahrscheinlich die Architekten für die verpaßte Chance und den an vielen Stellen mißlungenen Wiederaufbau verantwortlich machen.

Wie wollen die Menschen heute wohnen? Wenn sich der brennendste Wunsch erfüllt hat, aus der unerträglichen Nervenbelastung des Zu-eng-beieinander-Wohnens in Zwangsuntermieten herauszukommen, setzt sehr bald der Drang nach mehr Weite und mehr Komfort ein. Eine Umfrage, die kürzlich veranstaltet wurde, um ein Bild davon zu bekommen, ob die Wohnungen in Deutschland heute tatsächlich nach den Wünchen der Bevölkerung gebaut werden oder ob die Wohnungsbaupolitik daran vorbeigeht, ergab nicht nur, daß die Menschen, entsprechend ihrer finanziellen Verhältnisse, in Mietwohnungen (70 von Hundert) wohnen wollen und daß sie um die Häuser lieber Gemeinschaftsgärten und Parks haben, als einen eigenen Garten, der Arbeit macht – sie wünschen sich alle einen Balkon oder eine Loggia, um „einen Fuß ins Freie“ zu haben. Am begehrtesten, weil eben finanziell tragbar, scheint, die Zweizimmerwohnung zu sein; 11,7 von Hundert der Großstädter wünschen sie sich im Hochhaus, also gibt es tatsächlich ein Bedürfnis für diese Wohnform, die bisher in Deutschland überhaupt nicht vorhanden war. Sehr aufschlußreich aber ist es, daß sich statt einer aufgeteilten Wohnung mit kleinen Räumen 70 vom Hundert der Befragten für einen großen Raum entscheiden, den Wohn-Eßraum, den Wohn-Küchenraum oder das Wohn-Schlafzimmer. Sie wollen heraus aus den bedrückend engen vier Wänden.

Seit der Jahrhundertwende hat sich unser Zeit- und Raumgefühl radikal verändert, und die neue Lebensform wandelt zwangsläufig die Art zu wohnen. Die neuen Wohnungstypen werden sich den heutigen Bedürfnissen mit möglichst großer Geschmeidigkeit anpassen müssen und die neuen Möbel dem gewandelten Geschmack. Die internationale Annäherung der Wohnformen ist sehr viel stärker geworden, so beginnen wir zum Beispiel die japanische Erfindung der leicht verstellbaren und verschiebbaren Trennwände mehr und mehr zu übernehmen, weil das Prinzip des „flüssigen Raumes“, der freien Kombination, dem Streben nach Veränderung und Bewegung entspricht. Ein Buch von Erika Brödner „Modernes Wohnen“, das in diesen Tagen im Verlag Hermann Rinn, München, erschien und sich eindringlich mit dem Anspruch des heutigen Menschen auf eine passende Wohnung beschäftigt, gibt in reicher Bilderauswahl und einem sehr lebendigen Text eine vorzügliche Ubersicht über Bauen und Einrichten im In- und Ausland. Leute „vom Bau“ und Laien werden es gleichermaßen schätzen. Es werden sowohl gute Lehren aus der Vergangenheit abgeleitet, als auch überzeugende Lösungen und tastende Versuche auf dem Wege zu einem zeitgemäßen Wohnstil gezeigt, der Oasen der Ruhe schafft. Erfreulicherweise wird zum erstenmal auch auf die dringliche Aufgabe der nächsten Jahre hingewiesen, sowohl für junge erwachsene Menschen zu sorgen, wie vor allem auch für die alten Leute, wie es in Dänemark, in Schweden und in der Schweiz, aber auch in England vorbildlich geschehen ist. EM