Erzählung von Georg Britting

In der kleinen Stadt Honfleur, in der Normandie, nahe der Seinemündung gelegen und seiner Stockfische wegen bekannt, hat sich, ein Menschenalter vor dem Bastillesturm in Paris, der ein neues, vernünftiges Zeitalter heraufführte, so wenigstens sagt man, das folgende ereignet, und jedem steht es frei, es lächerlich zu finden oder fürchterlich. Aber es ist so geschehen, es ist urkundlich verbürgt, und so muß es auch unerschrocken erzählt und angehört werden, und wer da gern die Augen verschließt vor dem wüsten Greuel des Lebens, wird leicht auch blind für sein Liebliches.

Eine Truppe von Schauspielern, oder wenigstens gaben sie sich dafür aus, war in der Salzfischstadt eingetroffen. Ihr Anführer war ein ehemaliger Latwergenhändler, der über der rechten leeren Augenhöhle eine schwarze Binde trug, aber mit dem ihm verbliebenen linken Auge sah er scharf genug, und mehr als manchem lieb war, seine Leute wußten es. Im Saal eines Wirtshauses brachten sie liederliche Schwanke und Possen zur Aufführung, und hatten großen Zulauf aus dem gemeinen Volk. Auch gesetzte Bürger fanden sich ohne Scheu ein, die aber ihre Weiber zu Hause ließen, und junge Herren vom Adel, die mit ihren Degen ein vornehmes Geräusch machten und in den Pausen Wein und Zuckerzeug und rosarote Briefchen den Frauenzimmern hinter die Bühne bringen ließen – sie wurden meist gnädig und gewährend angenommen.

Einmal verlangte ein Stück, das in einer feurigfrechen Eifersuchtsszene gipfelte, daß der Harlekin, ein bildhübsches Bürschchen von kaum zwanzig Jahren, ein bartloses Milchgesicht, von dem hitzigen Nebenbuhler durch einen Messerstich getötet werde. Der Darsteller des Nebenbuhlers, ein schon älterer Mensch, mit der munteren Tochter des Latwergenhändlers unruhig verheiratet, machte das so gut und echt, daß der Harlekin gleich nach dem Fallen des Vorhangs starb – auf offener Bühne zu verscheiden hatte er vermieden, mit letzter Kraft, in dem Pflichtbewußtsein, das Schauspieler so oft auszeichnet. Der gestochen hatte, zerraufte sich das schwarze Haar und warf sich, laut jammernd und sich anklagend, zu Boden und verfluchte seine unglückliche Hand. Aber nicht alle glaubten ihm, daß es nur ein Versehen gewesen war, nur hütete sich jeder, es auszusprechen. Auch die Polizei begnügte sich schnell mit der Meldung, zufolge in Fällen dieser Art auch das weltliche Gericht ein Wort mitzusprechen habe, und der Latwergenhändler, gekränkt und rechthaberisch, strengte eine Klage gegen den Pfarrer an, des Inhalts, diesem sei aufzugeben, dem Erstochenen, der ein getaufter Christenmensch gewesen, ein ehrliches Grab nicht zu verweigern, auf daß man ihn nicht zu verscharren brauche wie eine räudige Katze.

Langsam und schwerfällig arbeiteten auch damals schon die Behörden, und bis eine Entscheidung fiel, das mochte eine geraume Weile dauern, und bis dahin war die Leiche der viel schneller als die Behörden arbeitenden Verwesung anheimgegeben. Ihr Einhalt zu gebieten, kam ein Mitglied der Truppe, ein der Hochschule entlaufener Tunichtgut, der Wundarzt hatte werden wollen, auf einen tollen Einfall, und es kann nicht anders sein, als daß es das Vorbild und die Luft der Salzfischstadt Honfleur waren, die diesen Gedanken in ihm weckten. Er konnte es ja rings mit Augen sehen, wie man die Fische durch Einsalzen vor dem vorzeitigen Verderben zu bewahren verstand. Und warum, dachte er, sollte das nicht auch bei dem im Tode noch anmutig anzuschauenden Jüngling gemacht werden können, damit man für den Tag der Beerdigung einen wohlerhaltenen Leib in Bereitschaft habe? Er erinnerte sich von der Schule her, daß die alten ägyptischen Ärzte schon Mittel anwandten, ihre Könige in gutem Zustand in die Grabkammern zu legen, und so ähnlich königlich sollte es dem Harlekin auch geschehen – das war sein Wille!

Die Kosten für das Salz zu sparen, sammelte der von seiner Aufgabe Erfüllte von dem Salz, das von den Stockfischen fiel, wenn sie aus den Schiffen ausgeladen und in die Schuppen der Händler getragen wurden. Alle armen Leute Honfleurs versuchten so, sich billig das weiße Gewürz zu verschaffen, obwohl es natürlich verboten war, denn die Stockfischhändler ließen sich das Geringste nicht entgehen von dem Ihrigen, und nur auf diese Weise wird man reich. Der fürchterliche Mensch also begann zu tun, was er sich vorgenommen hatte, alte fast vergessene Wissenschaft zu nützlicher Anwendung bringend, mit aller Hingabe, ja, mit einem einfältigen und frommen Stolz, und recht als gutes Werk, wie er in seiner Verwirrung meinte. Kaum war er fertig geworden, kam ein Salzbedienter gelaufen, der von dem Diebstahl, geder Wirt mochte nur ruhig mit ihren unbezahlten Rechnungen ein Feuerchen im Ofen anzünden, sich eine Wurst darauf zu braten: er hatte genug an ihnen verdient durch die vornehmen Gäste, die sie in sein minderes Haus gelockt hatten. Der Herr sei ihm gnädig! sagten sie, und meinten den Wirt nicht, meinten den Harlekin, und schlugen das Kreuz über den toten Kameraden, und die Tochter des Latwergenhändlers weinte sogar.

Der Salzbediente, als er von der Flucht der Truppe hörte am anderen Morgen, machte sich eilig zu dem Wirtshaus auf. Er sah den Toten, und weil er glaubte, der sei für ihn kostbares Pfand und die Schauspieler würden vielleicht doch einen Böten schicken, es auszulösen, bemächtigte er sich des Dahingeschiedenen und schaffte ihn auf einen Karren in eins der Stockfischlager.