Wien, im Juli

Jeden Morgen um die gleiche Stunde singt es zu den Fenstern herauf: „Da draußen im duftenden Garten...“ Das Paar mit der Drehorgel arbeitet nach einem genau abgezirkelten System. Das macht die Praxis vieler Jahre. Dort die Frau an der Kurbel, hier der Mann, gebückt auf den Stock gestützt, Hand und Mütze vorgeredet. Bettelmusikanten! Es gibt in Wien nicht mehr viele von dieser Sorte, sie sterben aus. Die Drehorgel und überhaupt die ganze Manier des Gewerbes in solcher Art wirkt überständig. Außerdem erlöschen die Konzessionen. Nur zwei in ganz Wien stammen noch von der Kaiserin Maria Theresia her.

Man muß sich bei der Polizei belehren lassen, daß Bettelmusiker ein nach dem Wiener Theatergesetz lizenziertes Gewerbe betreiben. Wer es unbefugt ausübt, sieht sich von einer Verwaltungsstrafe bis 4000 Schilling oder drei Monate Arrest bedroht. Aber so hart wird in der Praxis kaum verfahren. Die Polizisten ordnen zumeist die Angelegenheit kurzerhand an Ort und Stelle. Bei Invaliden schauen die Hüter des Gesetzes am liebsten ganz weg, denn diese Bettler stehen gewissermaßen unter Obhut des „goldenen Wiener Herzens“.

Genau genommen dürfte es in Wien keinen einzigen Bettler geben, erklären die Experten der Stadtgemeinde. Wir haben schließlich Altersheime, auch eine Fürsorge. Doch wer läßt sich schon gern kasernieren, zwangsbetreuen und zur Klostersuppe kommandieren. Da ist es schon besser und einträglicher, auf „Arbeit“ zu gehen.

An einem Sonntag mit Sonne und Bewegung in der Praterallee stehen sie der Reihe nach. Der. Schlanke, Große hat einen Sprachfehler und sonst noch kleine Gebrechen. Er bietet keine „Leistung“ nach dem Theatergesetz, er vagabundiert, genau genommen, die schäbige Mütze in der Hand. Er klagt: „Schlechte Zeiten, Herr, und viel Konkurrenz!“ Immerhin: fünfzig Schilling bringt ein Tag noch ein. Das sind 1500 Schilling im Monat, steuerfrei, und bei gutem Wetter eigentlich leicht, verdient. (Der Spitalarzt in Ausbildung wäre glücklich, wenn er über so viel Bargeld verfügen könnte.)

Die beste Kundschaft sei die mittlere Schicht – meint ein alter Sitzmusikant –, nicht zu vornehm, nicht zu klein, nicht zu jung, nicht zu alt. Papiergeld ist ganz selten. Nicht einmal auf die Ausländer ist mehr Verlaß Wo sind die Zeiten, als „unseraner“ an einem Samstag beim zweiten Pratercafé in zwei Stunden leicht seine hundert Schilling kassierte!

Seit Anton Karas und seinem „dritten Mann“ sind die Zither-Bettler rar geworden. Sie fühlen offenbar eine höhere Berufung in sich, jeder von ihnen erwartet, für einen vierten oder zehnten Mann entdeckt zu werden. Am Ende sind sie allesamt schon in die USA ausgewandert... Kirchentüren sind Reservate von Frauen und gebrechlichen Männern. Sie sind ohnehin nicht besonders lukrativ, die Opferstöcke nehmen die besten Münzen weg. Und überhaupt hat man seine liebe Not mit der gelenkten Mildtätigkeit und mit den – Amateuren. Das bestätigt sogar die Polizei, die nicht selten, einen solchen Außenseiter aufgreift, der sich als Gelegenheitsbettler einen Sport daraus macht, einmal im Handumdrehen etwas Geld extra zu verdienen.