Die bei den Rettungsarbeiten im bayerischen Hochwassergebiet eingesetzten Einheiten des Bundesgrenzschutzes und des Technischen Hilfswerks verfügten über keinen einzigen Sandsack, da das alliierte Sicherheitsamt in Koblenz dieses bei Dammbauten so wichtige Hilfsmittel als „militärische Ausrüstung“ beanstandet und verboten hatte. Deshalb mußten die amerikanischen Hilfsmannschaften 100 000 Sandsäcke 700 Kilometer weit aus Hamburg und weitere 30 000 aus Frankfurt herbeischaffen; wie Bundesminister Strauß mitteilte, verfügten die deutschen Hilfsmannschaften aus dem gleichen Grund über keine „legalen Feldküchen“.

d. Koblenz

Das alliierte Sicherheitsamt in Koblenz steht im Mittelpunkt einer Anfrage mehrerer Bundestagsabgeordneter der CDU/CSU. Die Abgeordneten fragen: Was kann die Bundesregierung tun, um die drei westlichen Besatzungsmächte von ihrem „überholten Recht“ abzubringen, mit Hilfe des Sicherheitsamtes von deutschen Industriebetrieben Auskünfte über Kalkulationen und Fertigungsmethoden einzuholen? Es werde befürchtet, daß auf diesem Wege ausländische Konkurrenten wertvolle Hinweise erhalten.

Über dem Gebäude des alliierten Sicherheitsamtes, dem ehemals kurfürstlichen Schloß in Koblenz, wehen die Fahnen der drei Westalliierten: Sternenbanner, Union Jack und Trikolore. Den Besucher, der die aus acht mächtigen ionischen Säulen gebildete Eingangshalle durchschreitet, umfängt wohltuende Stille. Besucher haben hier einen gewissen Seltenheitswert; eifersüchtig wachen die deutschen Aufseher in jedem Flügel des Gebäudes darüber, daß ihnen die kostbare Beute – der Fremdling – nicht von einem Kollegen weggeschnappt wird.

Der „Chef des Kabinetts“, ein Franzose, versichert höflich, daß weder er noch der derzeitige Kommandierende der Presse Auskünfte geben dürften. Das sei der Dienststelle der Hohen Kommissare in Bad Godesberg vorbehalten. Als im Jahre 1948 der Alliierte Kontrollrat endgültig funktionsunfähig wurde, schufen die drei westlichen Militärregierungen einen Ersatz: das Tripartite Control Board. Ihm fiel die Aufgabe zu, darüber zu wachen, daß das besiegte Deutschland nicht wieder zu den Waffen greife. Das Sicherheitsamt in Koblenz wurde zum wichtigsten Organ dieser gemeinsamen Kontrollbehörde. Zu verhindern, daß Deutschland wieder zu den Waffen greife – dieser Auftrag, weit gefaßt, betraf nicht nur militärische Belange. Folgt man den Gedanken Morgenthaus, so mußte das Sicherheitsamt außer der Landwirtschaft alles kontrollieren und alles beargwöhnen, was irgendwie zum Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft führen konnte. Nun, die Zeit ist über diesen Auftrag hinweggegangen. Da die Westalliierten das deutsche Wirtschaftspotential längst in ihre Erörterungen über die gemeinsame Verteidigung Westeuropas einbezogen haben, kann das Sicherheitsamt kaum noch eine Daseinsberechtigung haben, es sei denn, daß es im stillen gegen die Stärkung dieses Potentials arbeitet, wie die Verfasser der Kleinen Anfrage vermuten.

Die Ruhe im Koblenzer Schloß ist also durchaus verständlich. Der Chef des Städtischen Sekretariats ist zwar Monsieur Henneke, aber man kann sich nicht denken, daß er Gelegenheit hat, seinem Namensvetter jenseits des Eisernen Vorhangs nachzueifern. Es wäre Zeit, den Bau am Koblenzer Rheinufer einem nützlicheren Zweck zuzuführen.