Von Johannes Jacobi

Im deutschen Sommertheater profilieren sich seit vier Jahren „Festspiele“, die in der Stiftsruine zu Bad Hersfeld stattfinden. Es sind Freilichtaufführungen. Ein verfallener Kirchenraum dient ihnen als Theaterszene. Das hessische Kultusministerium, das die Veranstaltungen jetzt ebenso wie die Bundesregierung fördert, und besonders der Landeskonservator hatten anfangs viele Einwände gegen die Koppelung von Kultstätte und Kunstpflege an diesem Ort. Denn die Stiftsruine steht unter Denkmalsschutz. Die ehemalige Hersfelder Abtei war eine Gründung des Bonifaziusschülers Lull. Für das Raumgefühl und die Formensprache des karolingischen Zeitalters sind die Reste dieses sakralen Raumes ein imposanter, den Laien freilich irritierender Beleg. Der Bau ist fast schmucklos. Die Umfassungsmauern des Langhauses mit ihren kargen romanischen Fensterhöhlen, die Proportionen des heute dominierenden Querschiffs, ein ungewöhnlich tiefer Chor und vor allem die hochgewölbte Kraft von parallelen Vierungsbögen – das ist als Ruine, in die der Himmel scheint, ein Monument der imperialen Kirche auf Missionsboden. Die geringste Veränderung, auch kleine Ergänzungen, wie sie das Theaterspiel verlangt, müssen den dokumentarischen Rang des Bauwerks mindern.

Theaterleute sind Schwärmer. Die Trümmerromantik dürfte zwar in Deutschland ausgeträumt sein. Aber der Raum, seine Weite und Feierlichkeit, diese ideale Szenerie erschien, wie manchem vor ihm, einem Manne unwiderstehlich, der als Assistent unter Max Reinhardt die Anfänge der Salzburger Festspiele miterlebt hatte. Es ist Johannes Klein, von 1933 bis 1943 Indendant des Stadttheaters in Gießen, der 1951 die Hersfelder Festspiele in ihrer gegenwärtigen Form gründete und sie mit verblüffender Agilität durchgesetzt hat.

Streng genommen, tun die Theateraufführungen der Hersfelder Kirchenruine Gewalt an. Nicht daß man in einer Kirche, noch dazu in einer verfallenen, kein Theater spielen dürfe. Aber der romanische Bau riß seiner Anlage nach einst die Blicke und Herzen der Gläubigen in die Höhe. Sitzt man heute in dem noch umbauten Komplex, so löst er als Freilichtarchitektur Empfindungen aus, wie man sie ähnlich vor der Waldbühne im Berliner Grunewald, in Werner Marchs Olympiastadion oder – borribile dictu – in den Aufmarscharenen des einstigen Nürnberger „Parteitaggeländes“ haben kann: Architektur als offene Schale, die den Himmel als Deckel und die Weite als Inhalt faßt. Das ist zwanzigstes Jahrhundert! In Hersfeld gibt es davon nur eine einzige Abweichung. Das ist der Chor unter der Vierung. Ein ehemaliger Altarraum muß mit seinen Sinnverbindungen maßgebend sein auch für Theateraufführungen, die hier ihr hölzern klapperndes Brettergerüst aufschlagen.

In den Hofmannsthal-Inszenierungen („Jedermann“ und „Salzburger Großes Welttheater“), die in diesem Sommer zum Gedächtnis des fünfundzwanzigsten Todes- und achtzigsten Geburtstages Hofmannstahls unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Heuss in der Stiftsruine stattfanden, gab es nur einmal einen legitimen Raumeffekt als szenischen Eindruck. Das war am Ende des „Welttheaters“, als die schemenhaft über eine Schräge den Chor zur oberen Fensterreihe hinaufsteigenden „Unverkörperten Seelen“ in der Palast des „Meisters“ eingezogen waren. Plötzlich strahlte da der ganze, tiefe Chorraum in gleißendem Licht auf – ein Bild und Sinnbild des Allerheiligsten, in dem Kirchenraum und Kunstspiel zusammenklangen.

Wie unsicher die Inszenierungen von Johannes Klein in der Kirchenruine als Theaterszene noch herumtasten, das erkannte man besonders am Zugstück der diesjährigen Festspiele, an Goethes „Faust“. Eine dramaturgische Einrichtung von Rudolf Bach hatte die textlichen Voraussetzungen geschaffen, um das geistige Faustdrama gegenüber der Gretchentragödie dominieren zu lassen. Doch die Divergenz zwischen Dramaturg und Regisseur war so groß, daß der umgekehrte Effekt eintrat. Dank eines solistischen Aufgebots von versierter Schauspielerprominenz (Ewald Balser, Albin Skoda, Käthe Gold und Elisabeth Flickenschildt) blühte das Gretchendrama zart, duftig, fast intim auf den Schauplätzen einer Simultanbühne, die Gottfried Neumann-Spallert diesem Ort wie irgendeinem aufgepflanzt hatte. Den Prolog im Himmel dagegen – die einzige Rechtfertigung, das undogmatische Sinngedicht Goethes überhaupt in einem kultisch bestimmten Raum aufzuführen – arrangierte der Regisseur Johannes Klein sinnwidrig als frontales Lautsprechertheater von eingebauten Engelsattrappen und einem Teufel, der aus einem Versenkungskasten (!) auftauchte, mit dem Blick zum Publikum anstatt zum Allerheiligsten des Chores.

Die Hersfelder Ruine kann eine Mysterienbühne sein. So mochte sie jener repräsentativen Hofmannsthal-Ehrung als Schauplatz dienen, die bei den Salzburger Festspielen für ihren theoretischen Begründer in diesem Jahre nicht stattfindet. Hofmannsthals „Salzburger Großes Welttheater“, das in Gegenwart des Bundespräsidenten die Spiele eröffnete, hätte hier eine neue, ideale Szene, wenn sich die Regie nicht auf ein paar namhafte Schauspieler als Einzelgänger verließe und um mindere Personalergänzungen eine Laienstatisterie aufböte, die für lohengrinhafte Aufzüge, doch kaum für chorische Aufgaben von „Propheten und Sibyllen“ taugen. Die Transparenz der Allegorie mußte die Phantasie der Zuschauer leisten. Eine merkwürdige Scheu, auf der Mysterienbühne Farbe zu bekennen, veranlaßte den Regisseur, aus dem göttlichen „Meister“ des Dichters einen Ersten Engel zu machen.