Ist es wirklich nur schlechtes Benehmen, das uns im Ausland unbeliebt macht?

Für einen kleinen Augenblick schien es, daß ein neuer Völkerfrühling angebrochen sei, als die Grenzen geöffnet wurden und die Menschen in diesem engen Europa ungehindert hin und her zu fluten begannen. Mit einem Schlage waren die bürokratischen Hindernisse wie weggewischt, die Menschenschlangen, die vor den fremden Konsulaten um ein Visum anstanden, verschwanden über Nacht. Im nächsten Sommer, so hieß es, werden nicht einmal mehr Pässe notwendig sein, damit werden wir in einen Zustand eintreten, der freiheitlicher und liberaler ist, als alles, was seit dem ersten Weltkrieg zur Schaffung eines gemeinsamen Raumes unternommen wurde. In diesem freudigen Erstaunen lag und liegt viel Selbsttäuschung. Versuche doch einmal einer, der hierzulande kein Glück hat, in der Schweiz oder in England sein Brot zu finden! Er wird schnell erfahren, daß sich die berauschende Liberalität nur auf Menschen bezieht, die Geld mitbringen und somit, genau besehen, nur Funktionen der Handelsverträge sind. Die Grenzen fallen? Gemach, sie öffnen sich nur den Touristen, einer Menschensorte also, die – wirtschaftlich gesprochen – die Exporte, die das Gastland zu machen wünscht, am Ort der Erzeugung verbraucht. Nun sind Menschen, die zur Erholung oder Erbauung reisen, in einer Verfassung, die über den Alltag hinausdrängt, Sie haben eine Welt der Einförmigkeit und des Zwanges hinter sich gelassen und gehen, wie der bezeichnende Ausdruck lautet, aus sich heraus. Die Ferienreise ist ein Ausnahmezustand, in dem der Mensch sich stärker entfaltet, als das strenge Arbeitsjahr ihm erlaubt. Der deutsche Tourist macht davon keine Ausnahme, seine Entfaltung scheint aber den meisten Leuten nicht zu gefallen.

In der Tat, über das Verhalten der Deutschen im Ausland werden Klagen laut, die so heftig sind und so viel Grundsätzliches aufwühlen, daß sie den visumfreien Völkerfrühling mit Spätfrost überfallen. Haben wir uns zu früh gefreut und hat die so herzlich begrüßte Bewegungsfreiheit nur zur Folge, daß in der Welt eine neue Stimmungsrevolte gegen die Deutschen beginnt? Die Frage ist ernst genug, um geprüft zu werden. Aber von wem soll sie geprüft werden? „Bundestag und Bundesregierung“, so meldet DPA aus Bonn, „sind über das schlechte Benehmen vieler deutscher Reisenden im Ausland beunruhigt.“ Ich bekenne offen, daß mich auch die gröbsten Ausschreitungen deutscher Ferienreisender am Comersee oder in Delft – falls solche wirklich vorgekommen sind – nicht im entferntesten so beunruhigen, wie mich die Unruhe unserer höchsten politischen Organe beunruhigt. In was mischen sich diese Stellen, aus welchem Gesetzestext, aus welchen Verfassungsparagraphen leiten sie das Recht ab, jene „Erziehungsarbeit“ zu leisten, die bereits angekündigt wird! Gewiß, die Kritik des Auslandes an den deutschen Reisenden ist ein Krisensymptom, das einige Aufmerksamkeit verdient. Aber es würde die Reizbarkeit des Auslandes heute vermutlich überhaupt nicht geben, wenn der Staat in Deutschland nicht zu allen Zeiten diese verhängnisvolle Neigung gezeigt hätte, seinen Bürgern gegenüber den Schulmeister zu spielen.

Das Auswärtige Amt und das Bundesinnenministerium sind laut der erwähnten Meldung von der größten Regierungspartei „beauftragt“ worden, „das Problem mit aller Energie anzupacken“. Nun ja, der Traum des Innenministeriums, allen Staatsbürgern vorgesetzt zu sein, wird ja von dem zwar diskreter gehegten, aber dafür noch penetranteren Traum des Auswärtigen Amtes übertroffen, der Vorgesetzte aller Deutschen im Ausland zu sein. Das war zu allen Zeiten so, die Behörden und politischen Einrichtungen unseres Volkes lechzen seit je nach Untertanen, welche Staatsform auch gerade gelten mag. Die Lustvorstellung des Staates, „Reisende, die sich im Ausland nicht benehmen können, drakonisch anzupacken“ (schon wieder angepackt!), verrät deutlich, wie das Regieren in unserem Lande verstanden wird. Der Himmel mag wissen, aus welchen geheimnisvollen Quellen diese Minister, Beamten und Abgeordneten die Überzeugung schöpfen, daß sie imstande und qualifiziert seien, ihren Landsleuten Benehmen beizubringen. Offenbar rumort in diesen Köpfen das Mißverständnis, daß sie zur Elite gehörten, weil sie die Macht haben. Anstandsunterricht, von rüstigen Polizeibeamten erteilt – so stellt man sich bei uns die Förderung der helles manieres vor. Besäße die Welt mehr politische Vernunft, so wäre sie durch die Staatsgesinnung, die aus dieser Libido des drakonischen Anpackens spricht, tiefer beunruhigt, als durch das Gegröle zweier Deutscher vor dem Mailänder Dom, die den Chianti nicht vertragen konnten.

Weil es uns gibt

Was ist denn eigentlich geschehen, daß die Gefahr besteht, Deutschland könne „durch das skandalöse Benehmen einiger weniger Reisender im Ausland mühsam zurückgewonnene Sympathien verlieren“? Man erinnert sich der Zwischenfälle, die im Frühjahr aus Holland gemeldet wurden. Eine authentische Darstellung dessen, was dort deutschen Reisenden zur Last gelegt wurde, ist nie zu unserer Kenntnis gelangt. Man hatte damals den Eindruck, daß das schlechte Benehmen eher auf seiten einiger Holländer war. Was in diesen verregneten Sommerwochen anderswo Anstößiges geschehen ist, mag der Himmel wissen. Ich zweifle nicht daran, daß der eine oder andere unserer Landsleute den Ausflug in die Freiheit fremder Verhältnisse schlecht vertragen und draußen jene Eigenschaften entfaltet hat, die auch den Sonntag zu Hause nachgerade zu einer Plage machen. Der Drang ins Ausland ist gewaltig, vom Nordkap bis Palermo sieht man in diesen Monaten die Bundesdeutschen zu Fuß, auf Motorrädern zusammengeballt, im wimpelgeschmückten Volkswagen und in riesenhaften Luxusgefährten. Blickt man von oben auf die Serpentinen der Alpenpässe, so hat man den Eindruck, daß es nur noch deutsche Fahrzeuge gibt. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man, daß auch ein guter Teil holländische unter sie gemischt ist. Die deutschen Reisenden sind an bestimmten – und nicht den häßlichsten – Punkten Europas so zahlreich, daß man den Eindruck gewinnt, die Bundesrepublik habe sich in Form eines gigantischen Betriebsausfluges bis auf den letzten Mann auf die Strümpfe gemacht. Aber man kann doch wirklich nicht behaupten, daß alle diese Menschen an ihrem schlechten Benehmen als Deutsche zu erkennen seien. Das trifft nur in einem Punkte zu: wir Deutschen fahren, soweit wir am Steuer eines Autos sitzen, im Ausland genau so unfair und flegelhaft, wie wir dies zu Hause tun. Aber sonst? Es heißt ja auch ausdrücklich, daß nur „einige wenige Reisende“ sich übel aufführen. Warum also so viel Aufhebens von einer Sache machen, deren politische und psychologische Bedeutung begrenzt ist? Aber ist die Bedeutung wirklich begrenzt? Ist es nicht vielmehr so, daß von Ferienreisenden die Rede ist, während in Wirklichkeit unser gesamtes Verhältnis zur Außenwelt gemeint ist?

Die Reaktionen der Welt auf den deutschen Fußballsieg können bis zu einem gewissen Grade die Schwierigkeiten erklären, die mit jedem Wiederauftreten Deutscher auf dem internationalen Felde verbunden sind. Diese Regungen waren nicht sehr erfreulich, sie durchliefen alle Schattierungen von mühsam bewahrter Sportlichkeit bis zum gellenden Haßausbruch. Was war denn geschehen, war der deutsche Sporterfolg etwa nicht redlich errungen? O gewiß, aber es war doch wohl mehr als eine sportliche Veranstaltung und ist denn auch von der Mehrzahl der Deutschen als eine Art von Erlösung aus dem internationalen Bann aufgefaßt worden. Ein schreckliches Mißverständnis – als ob die Meisterleistung einer Fußballmannschaft, an der das „deutsche Volk.“ als Gesamtheit nicht im geringsten beteiligt war, geschichtliche Erfahrungen außer Kraft setzen könnte! Daß hier „bestes Deutschtum im Ausland“ triumphiert habe, ist grober Unfug. Gesiegt hat bestes Fußballtum und sonst nichts. Dieser Sporterfolg hat keinen Stein auf dem politischen Felde verrückt – und auf dem moraliscnen erst recht nicht! Was einige Franzosen zu dem Vorgang geschrieben haben, war höchst albern, aber es enthüllte die tieferen Zusammenhänge. Wenn es in einer Pariser Sportzeitung hieß: „Die letzten deutschen Zuschauer sind abgereist, voll mit Bier bis zum Hals, ihr Tiroler Ränzel vollgestopft mit Delikatessen“, so muß man wissen, daß die Franzosen seit 1870 diesen Satz fast wörtlich schreiben, wenn die Deutschen irgendwo in Massen auftreten, sei es bei den Bayreuther Festspielen, sei es bei einem Zeppelinaufstieg in Friedrichshafen, sei es in der Reisezeit. Es ist ein fertig gestanztes Schema, das von Maurice Barrès literaturfähig gemacht worden ist und heute noch Dienste tut, wenn es gilt, der Antipathie gegen den Störenfried von gestern und morgen Ausdruck zu verleihen. Es nützt nichts, haarscharf zu beweisen, daß jedes Wort an diesem Satz falsch ist; der französische Leser weiß schon, was gemeint ist: „Da sind sie wieder!“