Jede Wissenschaft muß es sich gefallen lassen, daß sie von Zeit zu Zeit von sachkundigen Zeitgenossen kritisiert wird. Leider zeugen die Vorwürfe, welche Winfried Martini in Nr. 27 gegen die Zeitungswissenschaft erhebt, weder von Sachkenntnis noch von Originalität. Diese Vorwürfe sind jahrzehntealt, sie wurden früher schon besser formuliert und gescheiter begründet, und es würde sich eigentlich nicht lohnen, darüber ein Wort zu verlieren, wenn sie nicht in einem so respektablen Organ wie DIE ZEIT erschienen wären.

Martinis Verfahren ist billig und oberflächlich. Er greift ein paar Beispiele heraus und behauptet, daß sie typisch seien, dabei würde jeder Fachkollege auf Anhieb aus irgendeinem anderen akademischen Fach merkwürdigere Dissertationsthemen aufzählen können. Der Verfasser hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, nachzuprüfen, was in diesem Fach geleistet worden ist, seitdem es nach 1945 auf breitere publizistische Forschungsgrundlagen gestellt worden ist. Anstatt sich mit den Thesen und Zielsetzungen dieses Faches auseinanderzusetzen...

Um den fachkundigen Lesern die Antwort nicht schuldig zu bleiben, sei ganz kurz festgestellt:

1. Die Wissenschaft von der Publizistik (Zeitungswissenschaft) kann von keiner anderen Disziplin nebenher wahrgenommen werden, da sie sich zur Erforschung durchaus eigenständiger Phänomene eine eigene Methodik und Terminologie schuf.

2. Es bestehen publizistische (zeitungswissenschaftliche) Forschungsstätten in allen westeuropäischen Ländern und den USA. Freilich ist mir kein Fall bekannt, daß die Presse ihr eigenes Nest beschmutzt.

3. Es hat sich nicht bewährt, das Fach nebenamtlich durch aktive Journalisten oder Verleger betreiben zu lassen, denn es erfordert zwar praktische Erfahrungen, aber auch kritische Distanz zur Praxis, und es nimmt wegen seines Umfanges eine volle Arbeitskraft in Anspruch.

4. Promotionen im Fach Publizistik gehören an den Universitäten Berlin und Münster zu den anspruchvollsten akademischen Leistungen. So promovierten in Münster in 8 Jahren nur 16 Studierende.