Von Monika von Zitzewitz

In seinem Testament schrieb Luigi Pirandello, dessen Ruf in seinem Vaterland Italien schwankt: „Es ist mein Wille, daß nichts, nicht einmal die Asche von mir übrigbleibe.“ Über sein Begräbnis bestimmte er: „Wagen letzter Klasse, wie für die Allerärmsten. Nackt. Und niemand begleite mich, weder Verwandte noch Freunde. Der Wagen, das Pferd, der Kutscher und basta.“ Sein letzter Wille wurde nicht? erfüllt, weil er gegen das Gesetz verstieß. Der Dichter hatte es selbst vorausgesehen und in einer späteren Eintragung das Zugeständnis gemacht, daß seine Asche in einer Urne verschlossen und in einem Felsen in der Nähe seines Geburtsortes Agrigent eingemauert werden solle.

Die Nachwelt hat den Wunsch des 1936 mit 69 Jahren gestorbenen Dichters im äußeren Wortsinn erfüllt: 1940 wurde sein sizilianisches Geburtshaus zerstört, als das Pulvermagazin von Agrigent in die Luft ging. 1953 wurde das Terrain von 2500 Quadratmetern, auf dem sein Geburtshaus stand und das im Volksmund „Cävusu“ heißt (eine Verballhornung des griechischen Wortes („Chaos“) enteignet. Im sizilianischen Amtsblatt stand es in lakonischer Kürze zu lesen: „Das Chaos wird enteignet und zum öffentlichen Gut erklärt.“ Es könnte ein Satz aus Pirandellos Novellen sein – einer der ganz nüchternen Sätze, die transparent und zum Symbol einer Situation werden. Inzwischen ist das Chaos seiner Welt längst zum öffentlichen Gut geworden. Denn was Pirandello aussagte – in über vierzig Dramen, vielen Romanen und Novellen –, das ist die Not des Menschen, der sich selbst fragwürdig wurde, der aus dem Halt einer göttlichen und menschlichen Ordnung gefallen ist und in ewig unbefriedigtem Jagen nach dem vermeintlichen Glück die Verzweiflung oder Leere seines Innern hinter immer neuen Masken verbirgt. – Mit der Neuauflage seiner Novellen unter dem Titel

„Angst vor dem Glück“, 506 S., 15,80 DM, aus dem Gesamtband „Novelle per un anno“ ausgewählte Novellen in der vollendeten Übersetzung von Hans Hinterhäuser, gibt der Dreibrückenverlag, Heidelberg,

die Gelegenheit, das von Lob und Kritik verzerrte Bild Pirandellos rein zu sehen.

Die Zeit der Pirandello-Mode, worunter die Literaten ein Problematisieren um jeden Preis verstanden, und die daher in Deutschland besonders blühte, ist vorüber. Auch die Zeit der großen Skandale und des ganz großen Ruhms, der mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Jahre 1934 gekrönt wurde. Die Dramen, vor allem „Sechs Personen suchen einen Autor“, das den Weltruf Pirandellos begründete, werden weiter mit Erfolg gespielt. Aber die Nachwelt ist sich einig darüber, daß nicht die Romane und Dramen in ihrer oft gewollten und mühsamen Problematik, sondern die Novellen das beste literarische Erbe Pirandellos sind.

Aus der Lektüre seiner Novellen bleibt dem Leser zunächst eine wirre Fülle von Personen, Leidenschaften, grotesken und paradoxen Situationen. Aber fast jede dieser Erzählungen – ausgenommen einige sentimentale und konventionelle Themen, von denen man nicht recht versteht, wie sie unter Pirandellos Schöpfungen geraten sind, läßt sich auf die Grundtendenzen zurückführen, die den Autor sein Leben lang bewegten: den Widerspruch von Sein und Schein, das Zerbrechen aller billigen Fassaden der Selbstberuhigung, in der sich der moderne Mensch vordergründig zu sichern versucht.