Aus der Fülle der Spekulationen, die der Nachricht von der Abberufung Semjonows und seiner Ersetzung durch Puschkin folgten, seien nur erwähnt: Semjonow ist freundlich und konziliant, Puschkin ist hart und unerbittlich. Semjonow ist der Mann des neuen, des weichen Kurses. Puschkin ist in Ungarn der Drahtzieher hinter den Kulissen des Mindzenty-Prozesses und der Liquidierung von Rayk gewesen. Puschkin ist Ulbrichts Mann, Semjonow hat Ulbricht in den Hintergrund gedrängt. Die einen wollen Semjonow schon als sowjetischen Botschafter in Bonn sehen, während Puschkin in Pankow die Teilung Deutschlands vertieft. Andere glauben, Semjonow sei in Ungnade gefallen und müsse sich als alter Berija-Mann jetzt in Moskau verantworten, er werde dort kaltgestellt oder umgebracht werden.

Angesichts so widersprechender Meinungen lohnt ein Blick auf die gesicherten Tatsachen: keine Großmacht hat seit nahezu zwanzig Jahren eine so fest zusammengehaltene Mannschaft von Diplomaten im internationalen Spiel wie die Sowjets: Molotow, Wyschinski, Gromyko, Malik, Zorin, Semjonow und Puschkin tauchen immer wieder auf. In Washington und San Franzisko, in New York bei der UNO und in London, in Berlin und Paris, in Genf und, wo immer sowjetische Geschäfte zu besorgen sind, sieht man sie. Die einen halten diese Mannschaft für Superdiplomaten, gegen deren Dialektik kein Kraut gewachsen sei, während andere wieder verächtlich von Robotern sprechen, deren Räderwerk im Kreml aufgezogen wird. Beide Meinungen sind übertrieben. „Das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR...“ hat Puschkin „ernannt“ und Semjonow „von den Pflichten entbunden“. So lautet die amtliche sowjetische Version. Ein Kollektiv befindet also über Personalfragen und natürlich auch über die zu befolgende Politik. Doch die nach Moskauer Analyse und Moskauer Direktive einzuschlagende Politik läßt dem Diplomaten taktischen Spielraum.

Was treiben die Sowjets in Europa? Sie wollen die Amerikaner isolieren und deren Truppen aus dem europäischen Kraftfeld herausmanövrieren. Daran ist nichts Geheimnisvolles. Dieses Ziel hat Semjonow verfolgt, und Puschkin wird gewiß nicht davon abweichen. Wie dieses Ziel im einzelnen in der Deutschlandpolitik abgestimmt wird, entwickelt sich aus den in Moskau angestellten Analysen. Schon verlangt in Genf eine kommunistisch gesteuerte „Westdeutsche Delegation“ eine „neue Deutschlandkonferenz“. Zu diesem Kurs würde ein harter Puschkin schwer passen. Es sei denn, daß er hart durchgreift, um der DDR einen Prozeß à la Rayk zu bescheren. Opfer und Schuldige sind immer schnell gefunden. Und sie würden in einem solchen Fall gewiß nicht Dertinger oder Hamann heißen.

Zum Schluß sei die natürlichste Erklärung für die Ablösung Semjonows gegeben: Vor ein paar Wochen erlitt Semjonow in Ostberlin einen Autounfall, wurde ins Krankenhaus gebracht und dann zur Behandlung eines Kniescheibenbruchs nach Moskau geschafft. Ist es nicht denkbar, daß seine Knie- und Kopfverletzungen so ernst sind, daß mit schneller Genesung nicht gerechnet werden kann? Daß die Deutschlandpolitik jetzt aber die Anwesenheit eines kompetenten Mannes in Berlin erfordert und deshalb Puschkin den Posten von Semjonow übernommen hat? Auch in der Sowjetunion Stephen Politiker gelegentlich eines natürlichen Todes, leiden an den Folgen von Autounfällen und anderen normalen Krankheiten. Liegt hier ein Normalfall vor? Dietrich Bartens