Das Verhältnis zwischen Hochschule und Staat, ein ewiges Problem, gewinnt eine besondere Aktualität jetzt, da der Bund darangeht, die Rechtsstellung der Hochschullehrer in einem Rahmengesetz zu den Länderbeamtengesetzen zu regeln. Hierbei treten Unterschiede zu der Stellung anderer Beamtenkategorien hervor, an die sich mancherlei Mißverständnisse knüpfen.

Oft hört man, der Hochschullehrer nehme innerhalb des Beamtenstandes eine ungerechtfertigte Vorzugsstellung ein. Er halte seine Vorlesungen und Übungen während der jeweils drei- bis viermonatigen Semester und genieße in der Zwischenzeit die Ruhe und Beschaulichkeit der fast ebenso langen Semesterferien. Auch sei es ihm freigestellt, seine Vorlesungstätigkeit auf wenige Wochenstunden zu beschränken; er könne sich also einer Nebentätigkeit mit weiteren Einkünften widmen. Schließlich werde er nach Erreichen der zu seinen Gunsten auf das68. Lebensjahr hinausgeschobenen Altersgrenze nicht – wie andere Beamte – in den Ruhestand versetzt, sondern Bei Weiterzahlung der vollen Bezüge unter Entlastung von seiner Lehrverpflichtung im Amt belassen. Von seinen Pflichten werde, er entbunden, ohne aber in seinen Rechten eine Einbuße zu erleiden.

Für den Hochschullehrer bedeutet die mit dem Abschluß des Semesters beginnende vorlesungsfreie Zeit die ersehnte Gelegenheit, sich in vollem Umfang seiner Forschungsaufgabe zu widmen. Forschung ist nicht denkbar ohne Zusammenhang mit der Lebens Wirklichkeit. Wie der Kliniker am Krankenbett, der Physiker und Chemiker im Laboratorium zu neuen Erkenntnissen gelangen, muß der Theoretiker sich an seinen Schreibtisch und in die Bibliothek zurückziehen können, um immer von neuem den Problemen seines Faches nachzugehen und seine Arbeitsergebnisse in Veröffentlichungen, Denkschriften, Gutachten, Vorträgen und anderer Weise der Fachwelt und Öffentlichkeit zu unterbreiten, um sich das zu erarbeiten, was er seinen Studenten und Assistenten zu übermitteln hat. Wer dem Hochschullehrer die Zahl der Vorlesungen nachrechnet, vergißt, welche Vorarbeit für jede von ihnen erforderlich war, und wer ihm seine „Ferien“ verkürzen möchte, weiß nicht, daß keine freie Zeit kennt, wer sein Leben der Forschung verschrieben hat.

Ebenso hat es seine innere Berechtigung, daß der Hochschullehrer auch nach Erreichen der Altersgrenze weiterhin sein volles Grundgehalt bezieht: der Hochschullehrer bekommt zumeist sehr viel später als andere vergleichbare Beamte eine Planstelle und verliert, mit der Emeritierung die Kolleggeldergarantien, die Bestandteile des Gehaltes sind, so daß auf diese Weise auch bei ihm eine bedeutende. Kürzung seiner Bezüge eintritt. Der Hochschullehrer ist Lehrer und Forscher zugleich. Forscher bleibt er auch dann noch, wenn er bei. Erreichen der Altersgrenze sein Lehramt und die Leitung seines Instituts oder seiner Klinik in die Hände eines jüngeren Nachfolgers legt und sich von.seiner Lehrtätigkeit entlasten darf. Erst dann wird er in vielen Fällen Zeit und Kraft finden, sein Lebenswerk als Forscher abzuschließen. Aus diesen Gründen nimmt der Hochschullehrer in dem komplizierten Gefüge des Beamtenrechts eine Sonderstellung ein, aber nicht im Sinne eines ungerechtfertigten Privilegs, sondern in der Erkenntnis der wesensmäßigen Besonderheiten des Hochschullehrerstandes.

Wenn hierbei von „Hochschullehrern“ die Rede war, so waren damit die planmäßigen (ordentlichen und außerordentlichen) Professoren gemeint, die Lehrstuhlinhaber also. Die Berufung auf einen Lehrstuhl aber setzt ein jahrelanges, oft sogar jahrzehntelanges Wirken in der Wissenschaft voraus. Schon daß der junge Wissenschaftler lange Spezialausbildung auf sich nehmen muß, daß er auch nach der Habilitation auf ungewisse Zeit bestenfalls mit nur mäßigen Bezügen und nur mangelhafter Versorgung, im Notfalle rechnen kann, daß er neben seiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit den Hauptteil seiner Kräfte dem Institut und der Klinik zur Verfügung stellen muß, verlangt von ihm große Opfer.

Wenn der Gesetzgeber jetzt vor der Frage der Vereinheitlichung des Beamten- und damit auch des Hochschullehrerrechts steht, so wird er auch der besonderen Lage der für die Hochschulen unentbehrlichen Nichtordinarien, das heißt der Privatdozenten und der außerplanmäßigen Professoren, Rechnung tragen müssen. Nur wenigen ist bekannt, daß diese, falls überhaupt Beamte, Beamte auf Widerruf sind und daher jederzeit entlassen werden können. Die Möglichkeit des Widerrufs müßte jedenfalls eingeschränkt werden. Dies gilt insbesondere für den außerplanmäßigen Professor; ein bewahrten Lehrer und Forscher kann nicht ständig unter dem Damoklesschwert der Entlassung stehen.

Auch die Alters- und Hinterbliebenenversorgung der Nichtordinarien sollte so geregelt werden, daß nicht die Sorge vor der Zukunft die Schaffenskraft lähmt und die unbeeinflußte wissenschaftliche Arbeit gefährdet. Es geht hier nicht allein um den Hochschullehrernachwuchs, sondern auch um die studierende Jugend, die den Nichtordinarien in gleicher Weise anvertraut ist wie den Lehrstuhlinhabern. Es geht um die Hochschule selbst, und man sollte bedenken, daß das Gedeihen eines Volkes ganz wesentlich von dem abhängt, was an seinen Hohen Schulen in Forschung und Lehre erarbeitet, durchdacht und gelehrt wird.

Wilhelm Felgentraeger