J. H., Paris, im Juli

In der französischen Agrarwirtschaft herrscht eine Absatzkrise. Es wird zuviel produziert und zuwenig verkauft. Das „Zuviel“ erreicht 350 000 t bei Zucker und 30 000 t bei Butter. Es gibt auch „zuviel“ Getreide, zuviel Milch, zuviel Alkohol und – zuviel Wein. Diese Überproduktion könnte leicht exportiert werden, wenn sich die französischen Preise denen des Weltmarktes anpassen wollten. Aber der Weltmarktpreis für Zucker beträgt 32 Francs, der französische Zucker ab Fabrik hingegen 72 Francs (und im Detailverkauf 124 Francs). Es war geplant, 200 000 t Zucker zu exportieren, um den Markt zu entlasten. Der Zuckerexport sollte, wie das beim französischen Protektionssystem schon Gepflogenheit geworden ist, durch den Staat finanziert werden, wobei die Staatskasse 7 Mrd. ffrs zu bezahlen gehabt hätte. 7 Mrd. sind wohl bei einem Staatsbudget von 3800 Mrd. keine enorm große Summe. Aber der Finanzminister muß ja nicht nur den Zuckerexport finanzieren, sondern auch den Export der anderen Agrarprodukte, die infolge des übersetzten Kurses auf normalem Weg auf den ausländischen Märkten nicht abgesetzt werden können.

Da fanden die Zuckerindustriellen einen Ausweg, Sie werden 200 000 t Zucker exportieren, und zwar sowohl nach der Dollar- als auch nach der Sterling-Zone, und der Staat wird bei diesem Geschäft nicht einen Sou draufzuzahlen haben. Allerdings bringen die Zuckerindustriellen den Gegenwert für ihren Export nicht in Form von Devisen nach Frankreich, sondern in Form von – Luxusartikeln, für die der französische Staat bisher strikt alle Importlizenzen verweigert hat, weil sie nicht zu den dringend notwendigen Waren gehören und überdies eine unliebsame Konkurrenz für die eigene Industrie bilden. Amerikanische Automobile, Whisky, Spielsachen und elektrischeRasierapparate sind auf dem Inlandmarkt mit sehr hohen Gewinnen abzusetzen, selbst wenn man Zoll und Transportspesen in Betracht wenn vor allem infolge der bedeutenden Überbewertung des Francs. Die Importeure kommen also auf ihre Rechnung, selbst wenn sie sich verpflichten, den Dollar-Gegenwert für diese Luxusartikel zu einem Kurs von 650 bis 700 ffrs je Dollar zu verrechnen; während der offizielle Dol-Dollar 350 Francs beträgt.

Im Finanzministerium ist man dabei, diesem Geschäft zuzustimmen. Man erspart auf diese Art 7 Mrd. Dieses System entspricht indessen weder der Auffassung des französischen Finanzministers noch dem bisher vertretenen Prinzip der französischen Wirtschaftspolitik. Und was man den Zuckerproduzenten zubilligt, wird man den Milchproduzentten für den Butterexport nicht verweigern können. Die anderen Agrarproduzenten werden dann kaum auf sich warten lassen. Aber vielleicht wird es in der Rue de Rivoli, dem Sitz des französischen Finanzministers, gelingen, dieses Kompensationsgeschäft als einmalig zu erklären. Schließlich verfügen nicht alle Produzentengruppen über eine so bedeutungsvolle Organisation wie die „betteraviers“, und der Sprung von 350 auf 650 oder 700 Francs je USA-Dollar ist letzten Endes ja auch sehr weit und nicht ungefährlich...