– ck Berlin, Ende Juli

Vor kurzem las Thomas Mann an einem sowjetzonalen Sender aus seinem Buch „Bekenntnis des Hochstaplers Felix Krull“. Wer der Auffassung ist, daß durch einen Kulturaustausch zwischen Ost und West die Deutschen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs in nähere Berührung miteinander gebracht werden können, muß eine solche Lesung begrüßen. Doch zeigte gerade diese Dichter-Lesung die Problematik des kulturellen Austausches zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetzone besonders deutlich. Wer sich mit Meinungsforschung abgibt, konnte nämlich die auf den ersten Blick seltsam anmutende Feststellung machen, daß die Sowjetzonenbevölkerung, soweit ihr Thomas Mann ein Begriff ist, den Vortrag des Dichters – der übrigens ein deklamatorisches Meisterstück war – mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen hat.

Von 21 Bewohnern der Sowjetzone und Ostberlins, die literarisch interessiert sind und befragt wurden, hatten sieben die Sendung gehört, und zwar fünf davon mit ausgesprochenem Vergnügen. Den übrigen 14 Ostberlinern war die Tatsache der Lesung bekannt, weil sie von der Ostzonenpresse in ungewöhnlich starker Weise propagiert worden war. Aber bis auf vier waren die Befragten der Meinung, daß sich ein Dichter vom Range Thomas Manns nicht hätte für diese Sendung hergeben dürfen. Diese Stellungnahme kulturell interessierter, urteilsfähiger Sowjetzonenbewohner dürfte vermutlich den Dichter selbst am meisten verblüffen.

Es ist eben ganz einfach so, daß die mitteldeutschen Menschen jeden Westdeutschen verurteilen, der sich bewußt oder unbewußt in den Dienst der propagandistischen Bedürfnisse der Sowjetzonenmachthaber stellt. Botschafter der Westhälfte Deutschlands sind, der Ostzonenbevölkerung durchaus erwünscht und werden herzlich willkommen geheißen, aber die Bevölkerung muß dabei das Empfinden haben, sie kommen zu ihr, und nicht zu ihren Bedrückern, den Machthabern der Zone. In der Praxis wird dieser Unterschied nicht immer sichtbar werden. Aber wer mit den Deutschen jenseits der Zonengrenze im Wege des Kulturaustausches Berührung sucht, muß mit diesem subtilen und nicht leicht zu täuschenden Unterscheidungsgefühl der mitteldeutschen Bevölkerung rechnen.

Es zeigte sich auch bei dem Kirchentag in Leipzig wieder, daß die Sowjetzonenbevölkerung alle diejenigen sehr herzlich aufnimmt, die zu ihr kommen und die gleich ihr den Regierenden mit Mißtrauen oder Ablehnung gegenübertreten. Das erklärt auch den Unterschied der Popularität, die beispielsweise zwei Männer, wie Bischof Dibelius und Kirchenpräsident Niemöller, bei der Bevölkerung der Sowjetzone genießen. Niemöller wird genau wie Thomas Mann mit Skepsis betrachtet, weil er nichts dagegen tut, daß ihn das Diktatur-Regime der Zone als propagandistisches Aushängeschild benutzt.

Das sind Tatsachen, an denen man im Westen nicht vorbeisehen kann, wenn man sich bemüht, so etwas wie einen wirklichen Kulturaustausch zwischen Ost und West zustande zu bringen. Wer also in die Sowjetzone reist, um dort kulturelle Veranstaltungen durchzuführen, muß als Sendbote Westdeutschlands kommen, der mit seinen vereinsamten Brüdern im Osten Berührung sucht, und darf bei der Zonenbevölkerung nicht den Verdacht aufkommen lassen, er erscheine als geschätzter Gast des Regimes.

Gegenwärtig sind das freilich mehr theoretische Betrachtungen, denn der sogenannte Kulturaustausch, von dem so viel Wesens gemacht wird, verläuft bisher völlig eingleisig in der Richtung von Osten nach Westen und kann in seiner heutigen Form lediglich als eine amtliche Aktion des Pankower Ministeriums für Kultur angesehen werden. Das heißt, es gehen viele sowjetzonale Orchester und Chöre auf Tournee nach der Bundesrepublik, während es Gastspiele von westdeutschen Institutionen dieser Art in der Ostzone so gut wie gar nicht gibt.