In England haben die Kämpfe um die Weltmeisterschaft im Segelflug begonnen. Rund zwanzig Nationen haben ihre erfahrensten und tüchtigsten Piloten in das Fluggelände von Camphill in Derbyshire entsandt, die auf etwa fünfzig Einsitzern und Doppelsitzern um den höchsten Titel streiten wollen, den der international: Flugsport zu vergeben hat. Wir Deutsche sind an diesen Wettbewerben auch höchst interessiert; denn der Segelflug ist nun einmal so etwas wie „unsere“ Angelegenheit. So wertvoll auch die Arbeit der Männer gewesen ist, die vor Otto Lilienthal an der Lösung des Flugproblems gearbeitet haben, der große Wurf glückte doch erst dem Berliner Maschinentechniker. Auf dessen Erfahrungen und Arbeiten dann die Amerikaner Orville und Wilbur Whright aufbauten, denen es als erste Menschen gelang, zu fliegen. Die Entwicklung des Motorfluges brachte es mit sich, daß man den motorlosen Flug so gut wie ganz vergaß. Die Arbeit der wenigen Menschen, die sich noch für ihn interessierten, wurde nicht mehr beachtet, noch nicht einmal von denen, die sich als Flugzeugkonstrukteure und Flugtechniker eigentlich immer hätten mit ihm beschäftigen sollen. Erst als es nach dem ersten Weltkrieg Deutschland verboten wurde, zu fliegen, kehrte man zwangsläufig zum Gleit- und Segelflug zurück. Die Rhön wurde die Hochschule der Flugkunst, und bald fanden sich in fast allen Ländern der Welt begeisterte Anhänger. Alles Neue im motorlosen Flug ging von deutschen Leistungen aus. So haben wir schon ein Recht, den Segelflug als unsere hauptsächliche Domäne zu betrachten. Und in einer Zeit, da man sich allerorts bemüht, die Bundesrepublik wieder gleichberechtigt in die Gemeinschaft der freien Nationen aufzunehmen, hätte man glauben dürfen, daß überholte Ressentiments jedenfalls auf dem Gebiet des Sports keine Rolle mehr spielen sollten. Die Engländer, die Ausrichter der 3. Weltmeisterschaft im Segelflug, haben uns nun eines anderen belehrt. Kaum, das bekannt wurde, der Deutsche Aero Club beabsichtige, neben den beiden männlichen Piloten, Haase und Wiedhüchter auch die Fliegerin Hanna Reitsch, wohlgemerkt vielleicht die international beste Kennerin der ganzen Materie, nach England zu entsenden, wandte sich eine Luftfahrtzeitschrift der Royal Air Force in Deutschland gegen diesen Beschluß und diffamierte die Fliegerin. Auch an anderen Stellen wurde ihre angeblich nazistische Vergangenheit wieder hervorgeholt. Leider setzte sich das Bonner Außenministerium nun nicht für Hanna Reitsch ein, sondern verhinderte daraufhin ihre Entsendung nach England.

Es muß also gesagt werden, daß die Fliegerin im Kriege nur ihre selbstverständliche Pflicht für ihr Vaterland getan hat, wie jeder Brite und jede britische Frau auch. Sie tat es auf dem Gebiet, auf dem sie zu Hause war, und zeigte als Versuchsfliegerin, die besonders an der Entwicklung der fliegenden V-Waffen beteiligt war, besonderes Können. Man sollte ihre Betätigung im Kriege heute nicht strenger beurteilen, sondern so gerecht wie andere. Es stimmt durchaus nicht, daß sie aus persönlichen Gründen nicht nach England gefahren ist. Warum sagt man nicht die Wahrheit?

So gehen wir also mit geringeren Chancen in den Wettstreit auf dem Segelfluggelände von Camphill. An den Wettbewerben der Doppelsitzer können wir uns nun ohne Hanna Reitsch überhaupt nicht beteiligen. Der alte Segelflugpilot Haase und der Nachwuchspilot Wiedhüchter beteiligen sich lediglich mit ihren Einsitzern, einem HKS-Fluggerät und einer „Weihe“. Da die beiden Apparate sehr verschieden sind, haben wir eigentlich für alle Wetterlagen gute Chancen. Das eine Gerät eignet sich besonders für große Thermik, in der Segelfliegersprache: „Bombenwetter“, bei dem man infolge der großen Aufwindflächen auf Strecke und Geschwindigkeit gehen kann, das andere ist für schmale Aufwindflächen gut geeignet, bei denen es oft darauf ankommen wird, viel und unermüdlich auf engem Raum (in sogenannten Schläuchen) zu kurven, was natürlich nur mit wendigen Apparaten möglich ist. Es dürfte interessant sein, zu sehen, wie sich unsere Piloten bei ihren geringen internationalen Kampferfahrungen gegen die ausländische Konkurrenz durchsetzen werden.

Die Weltmeisterschaften im Segelflug werden als „offene Konkurrenzen“ ausgetragen, das heißt, Sieger wird „der beste Pilot auf dem besten Flugzeug“ sein. Das hört sich sehr bestechend an, ob aber die Praxis dieser Theorie gerecht werden wird? Zu wünschen wäre es, doch man muß abwarten. Das eine steht allerdings fest: diese Flüge um die Weltmeistertitel der Segelflieger, die zuvor in Toledo in Spanien veranstaltet wurden, haben sich immer auf die Konstruktion besserer und leistungsfähigerer Flugzeugtypen ausgewirkt, und deshalb kann man sie nur begrüßen. Ihr Nachteil besteht nur darin, daß, wie es ein Schweizer Fachmann ausführte, „Piloten und Nationen, die diesen technischen Wettstreit nicht mitmachen können, ihrer Chancen mehr und mehr verlustig gehen, ins Hintertreffen geraten, und daß die Teilnahme an Segelflug-Weltmeisterschaften bald so kostspielig wird, daß sich nur noch Staatsamateure diesen teuren Spaß leisten können“. Und das wäre nun freilich sehr bedauerlich. Walther F. Kleffel